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20 Jahre Arbeitsgemeinschaft Tropenpädiatrie

Kinderheilkunde in armen Ländern – auch wir können viel davon lernen !

 

Bericht von der 20. Jahrestagung der Arbeitsgemeinschaft Tropenpädiatrie in Gießen bzw. Rauischholzhausen,

25.- 27.1.2002

 

Tropenpädiatrie ist ein kurzer und damit stark vereinfachender Begriff für die Umstände, unter denen kinder- und jugendärztliche Arbeit in vorwiegend sehr armen Ländern mit speziellen klimatischen Bedingungen erfolgt. Die Vielfalt und Diversität dieses Faches wurde am Spektrum der Beiträge deutlich, die unter der Leitung von Prof. Michael Krawinkel auf der Jahrestagung der Arbeitsgemeinschaft Tropenpädiatrie diskutiert wurden. Zum zwanzigsten Male, davon zum 8. Male in Gießen, trafen sich knapp 120 an der Tropenpädiatrie interessierten Kinder- und Jugendärzte sowie zahlreiche in- und ausländische Gäste, um sich aktuellen pädiatrischen Problemen der Tropen- und Reisemedizin zu widmen.

Die öffentliche Auftaktveranstaltung im Margarete Bieber-Saal der Justus-Liebig-Universität beinhaltete neben einem Grußwort des Präsidenten der Universität, Prof. Stefan Hormuth, und einer Skizzierung der 20-jährigen Tätigkeit der Arbeitsgemeinschaft durch Prof. Michael Krawinkel eine temperamentvolle musikalische Einlage westafrikanischer Künstler (Mayemoma Grano and her Brothers, Abb 1) einen sehr nachdenklich stimmenden Vortrag des Politologen Prof. Andreas Buro / Frankfurt über den Rahmen internationaler Politik nach dem 11.Sept. 2001. Hier wurde das Bild einer nach Zerfall des Ostblockes keineswegs stabileren Welt gezeichnet und die düsteren Perspektiven neuer Auseinandersetzungen und Kriege in realistischer und sachlicher Weise als Folge von Globalisierung und Wirtschaftsinteressen heraufbeschworen. Zum persönlichen Kennenlernen und zum Weiterdiskutieren fand anschließend ein Empfang im Rektorenzimmer der Universität statt.

 

Integrated Management of Childhood Illness (IMCI)

 

Bereits am Freitag wurde von PD Dr. Martin Weber, Genf, in der Univ.-Kinderklinik Gießen ein workshop über „Integrated Management of Childhood Illness (IMCI)" abgehalten, an dem etwa 30 Pädiater teilnahmen. IMCI ist ein WHO-Programm zu Schulung von Gesundheitsarbeitern in armen Ländern, welches reduziert auf wenige, leicht erlernbare Symptome eine Klassifizierung der Schwere einer Erkrankung - insbesondere bei Säuglingen und Kleinkindern - und der notwendigen therapeutischen Optionen erlaubt. Einsichten aus diesem Konzept, welches an anderer Stelle vorgestellt werden wird, können sich auch in unseren pädiatrischen Arbeit niederschlagen und sind nicht allein armen Ländern vorbehalten!

 

 

Ernährung – Fehlernährung – Unterernährung

 

Die eigentliche wissenschaftliche Tagung fand in der Tagungsstätte der Universität Gießen im Schloß Rauischholzhausen statt (Abb. 2). Die erste Sitzung „Ernährung – Fehlernährung – Unterernährung" beschäftigte sich zuerst mit dem Risiko einer AIDS-Übertragung durch das Stillen. Von den weltweit 40 Mio. Aidskranken leben ca. 28 Mio. im subsaharischen Afrika. Fast 600.000 Kinder sterben jährlich an AIDS, welches inzwischen dort die häufigste Todesursache ist: 40 % bei Erwachsenen und 1/3 bei Kindern, bei denen AIDS die Atemwegserkrankungen inzwischen abgelöst hat, wie Prof. Hoosen Coovadia aus Durban / Südafrika eindrucksvoll zeigte. Das Dilemma der AIDS-Übertragung beim Stillen versus Gefährdung durch Abstillen und künstliche Ernährung scheint unlösbar; am Ungünstigsten scheint eine Kombination von beidem zu sein (Abb. 3). Prof. Ribeiro aus Salvador / Brasilien berichtete anschließend über die Behandlung chronischer Durchfallerkrankungen in seiner Klinik: nur 2% der Kinder bekommen eine Infusion, behandelt wird u.a. mit fettangereichertem Yoghurt. Anschließend stellte er das Design einer Studie zur Verbesserung der Behandlung chronischer Durchfallerkrankungen vor. Frau Prof. Katja Becker-Brandenburg / Gießen berichtete über interessante Befunde zur Rolle von Antioxidantien in der Behandlung von Kwashiorkor.

 

 

Pädiatrische Infektions- und Reisemedizin / Fälle

 

Zum diesem Thema gab PD Dr. Hans Dieter Nothdurft / München einen Überblick über den Stand der Impfempfehlungen. Zu RSV-Infektionen gab es - durchaus vergleichend gemeint - einen Vortrag von Dr. Josef Weigl aus Kiel zu Infektionen in Schleswig-Holstein, wogegen M Weber über die Bedeutung von RSV-Infektionen in Gambia berichtete.

Nach der Mittagspause mit der Möglichkeit, die Gespräche bei einem Spaziergang durch den herrlichen alten Park des Schlosses von Rauischholzhausen fortzusetzen, ging die Nachmittagssitzung mit einer Fallvorstellung von Prof. Jaap Mulder, Niederlande, über eine intestinale Lymphknotentuberkulose eines somalischen Kindes weiter; anschließend hielt das korrespondierende Mitglied der Arbeitsgemeinschaft aus Tanzania, Mark Swai, einem sehr persönlich gefärbtenen Vortrag über das Unglück, in Tanzania geboren zu sein, unterlegt von demographischen und epidemiologischen Daten. Ein anschließender lebhafter„runder Tisch" erlaubte Statements von Tropenmedizinern, Gynäkologen und Pädiatern zum Verhältnis Tropenmedizin - klinische Medizin in den Tropen in Ländern mit niedrigem Einkommen.

 

 

Krankheiten im Wandel - Qualitätsmanagement

 

H.W.A. Voorhoeve aus den Niederlanden überraschte mit dem vermeintlichen Paradoxon der Tropenpädiatrie: so war Polio früher in den Tropen wegen der frühen, noch unter dem „Nestschutz" einsetzenden Infektionen durch die quasi ubiquitären Enteroviren unbekannt, wie auch die Rachendiphtherie erst auftrat, nachdem die Wunddiphtherie selten geworden war. 1989 kam es zu einer Diphtherie-Epidemie in Lesotho, und zwar begrenzt auf eine Altersgruppe (20-30-jährige), die noch nicht geimpft, aber auch schon nicht mehr durch Immunität nach einer frühere Hautdiphtherie geschützt waren. Ähnliche Befunde hört man auch von invasiven HIB-Infektionen, insbesondere der Epiglottitis, die in den Tropen unbekannt sein soll.

Unter der Annahme, dass die Analyse kindlicher Todesfälle Lücken in der medizinischen Versorgung besonders deutlich macht, stellte Dr. Angelika Krug, z.Zt. NW Province, South Africa, ein auch für unsere Breiten interessantes System von systematischen Todesfall-Konferenzen im Sinne von „audits" vor, bei dem in einer Besprechnungsrunde alle Todesfälle auf vermeidbare - organisatorische und medizinische - Einflüsse analysiert werden. Bei insgesamt 203 Todesfällen wurden in 82% änderbare organisatorische und in 2/3 änderbare medizinische Faktoren festgestellt. Hier zeigte sich einmal mehr, dass wir in armen Ländern mit Erwartungen an epidemiologische und gesundheitspolitische Daten herangehen, die bei uns selbst überhaupt nicht vorhanden oder zu gewinnen sind.

Dr. Carsten Krüger, Coesfeld, berichtete über Erfahrungen in Mbulu / Tanzania mit ventillosen ventrikuloatrialen Shunts aus Ernährungssonden bei hydrocephalen Säuglingen und gab damit ein Beispiel für das in Ländern mit niedrigen Einkommen oft notwendige Improvisationsvermögen.

Vor der Mitgliederversammlung der Arbeitsgemeinschaft demonstrierte Dr. Stephan Nolte, Marburg, online die neu eingerichtete Internet-Plattform der AG Tropenpädiatrie, die im Verbund der Kinderumwelt GmbH angesiedelt ist und jedem interessierten Pädiater offen steht, der für Paedinform angemeldet ist (www.kinderumwelt.de).

Der Abend stand im Zeichen deutsch-peruanischer Musik von Studierenden und diente dem Vertiefen und Erneuern alter Bekanntschaften und Kontakte. Hierzu boten sich die vielen repräsentativen Räumlichkeiten des Schlosses an.

 

 

Kinderarbeit und ihre gesundheitlichen Folgen

 

Am Sonntag stand die erste Sitzung unter dem Thema „Kinderarbeit" und deren Bedeutung für die Kindergesundheit, ein Thema, dem wir Pädiater uns öffnen müssen. Dr. Stephan Nolte, Marburg, führte mit einzelnen Beobachtungen aus den slums von Kalkutta in die Thematik ein, die von dem Kinderrechtsexperten von Misereor, Benjamin Pütter, ausführlich und in den sozialen und ethnischen Bezügen dargestellt wurde. Seine Erfahrungen aus der Wiedereingliederung ehemaliger Kindersklaven in der Teppichindustrie des indischen Subkontinentes trafen auf ungläubige Bestürzung und reges Interesse. Dr. Meyer-Hamme / Hamburg erläuterte sein in Kalkutta realisiertes Konzept zur Beschulung von Kindern, die den Lebensunterhalt ihrer Familien sichern müssen.

Vor dem - schon in den Jahren zuvor bewährten - „Tropenpädiatrie-Quiz" Martin Webers mit typischen tropenmedizinischen Befunden, durch brilliante Dias illustriert, berichtete Dr. Charlotte Adamczick / Marburg über die nach wie vor schlechte Prognose des Burkitt-Lymphoms und Dr. Carsten Krüger / Coesfeld über die überraschend hohe Inzidenz von Diabetes mellitus Typ 1 in Tanzania.

 

 

Pädiatrie im Kontext der Entwicklungszusammenarbeit

 

Die Abschlussrunde stand unter dem Thema „Wünsche und Erwartungen der Entwicklungszusammenarbeit an die Kinderheilkunde und Jugendmedizin", die ein panel, bestehend aus Dr.Wolfgang Bichmann, Kreditanstalt für Wiederaufbau, Frankfurt, Dr. Reinhard Finkbeiner, Freiburg, für Ärzte ohne Grenzen, Prof. Dr. Rolf Korte, GTZ, Eschborn, und Benjamin Pütter, Misereor, zu beantworten suchte. Die Zeit war zu knapp, um mehr als einige statements zuzulassen, die stichwortartig etwa so zusammengefasst werden können: angesichts zunehmender Verarmung und Überschuldung vieler armer Länder muss die Armutsbekämpfung an erster Stelle stehen, dabei sind ausgewogene Sozialsysteme mit einer Verknüpfung öffentlicher und privater Anbieter anzustreben; Berücksichtigung psychosozialer Aspekte und die Qualifizierung örtlicher Kräfte mit entsprechender Qualitätssicherung ist notwendig. Für eine Katastrophensituation, definiert als völlige Abhängigkeit von außen, ist die Entwicklung unabhängiger, paralleler, aber nicht bleibender Strukturen gefragt (z.B. Bereitstellung von „minimal health packages", MSF). Konkret können wir Kinder- und Jugendärzte durch eigenen Einsatz, durch Bereitstellung von Know-how in der Entwicklung von Notfallbehandlung und „essentieller" Medizin, aber auch durch allgemeine „advocacy" für die Kinder in armen Ländern und die Unterstützung nichtmedizinischer Organisationen mit Fachwissen (z.B. spezifische Gesundheitsgefährdung durch unangemessene Kinderarbeit) unterstützend mitwirken. Prof. Michael Krawinkel fasste die notgedrungen kurz ausgefallene Expertenrunde zusammen und ließ die Tagung mit einem optimistischen Ausblick zuende gehen.

 

„Blick über den Tellerrand"

 

Die Tagung machte deutlich, dass ein Herausschauen aus unserer deutschen pädiatrischen Landschaft nicht nur für den in Ländern der sogenannten „Dritten Welt" tätigen Pädiater, sondern auch für das eigene Handeln hierzulande weitreichende Einsichten erlaubt: von der Notwendigkeit einer Infektions- und Morbiditätsepidemiologie über vernünftige, Evidenz-basierte Algorithmen in Diagnostik und Therapie, über „essential drugs" bis hin zu den psychosozialen Bedingtheiten von Krankheit. Daneben wurde mit Zertifizierung durch die Landesärztekammer Hessen konkretes reisemedizinisches und tropenpädiatrisches Wissen vermittelt. Wie auch bei einem Einsatz in anderen, insbesonderen armen Ländern gilt: Man kann gar nicht soviel hintragen wie man selbst mit zurück nimmt!

Die nächste Tagung der Arbeitsgemeinschaft findet vom 24.-26.1.2002 in Essen statt.

Anfragen an die Arbeitsgemeinschaft Tropenpädiatrie (ATP) können gerichtet werden an

Prof. Dr. Michael Krawinkel, Institut für Ernährungswissenschaft und Zentrum für Kinderheilkunde der JLU Gießen,Wilhelmstr. 20, D – 35392 Gießen, oder über das Forum der ATP in Pädinform über www.kinderumwelt.de

 

Autor: Dr. med. Stephan Heinrich Nolte Marburg 

12.03.2002

 

 

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