Hier ist eine Zusammenfassung der Zusammenfassung von Beiträgen im Bundesgesundheitsblatt Mai/Juni 2007
im Hinblick auf Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund
(nach Ergebnissen der Kinder- und Jugendgesundheitsstudie KiGGS
- Zusammenfassung von Beiträgen im Bundesgesundheitsblatt Mai/Juni 2007)
K I G G S - Ergebnisse und Migrantenkinder
Am KiGGS nahmen 17.641 Jungen und Mädchen von 0 bis 17 Jahren an 167 Orten teil. An der Studie haben sich 2.590 Kinder und Jugendliche mit (beidseitigem) Migrationshintergrund beteiligt, das sind in der gewichteten Stichprobe 17,1 % aller Kinder und Jugendlichen. Weitere 8,3 % der Kinder und Jugendlichen verfügen über einen einseitigen Migrationshintergrund. Die beiden größten Herkunftsgruppen unter den untersuchten Migrantenkindern sind mit 29,9 % russlanddeutsche und mit 28,2 % türkeistämmige Kinder und Jugendliche.
Definition: als Migranten werden Kinder und Jugendliche bezeichnet, die selbst aus einem anderen Land zugewandert sind und von denen mindestens ein Elternteil nicht in Deutschland geboren ist oder von denen beide Eltern zugewandert bzw. nicht deutscher Staatsangehörigkeit sind .
STILLEN:
Die durchschnittliche Stilldauer betrug - über alle Geburtsjahrgänge hinweg - 6,9 Monate, die Dauer des vollen Stillens durchschnittlich 4,6 Monate. Kinder mit Migrationshintergrund wurden häufiger als Kinder ohne Migrationshintergrund jemals gestillt.
SPORT:
Kinder, die nicht regelmäßig Sport machen, kommen überproportional häufig aus Familien mit niedrigem Sozialstatus, Migrationshintergrund und aus den neuen Bundesländern. Die deutlichsten Aktivitätsdefizite weisen Mädchen mit niedrigem Sozialstatus und Migrationshintergrund auf.
NUTZUNG ELEKTRONISCHE MEDIEN:
Jugendliche aus Familien mit niedrigem Sozialstatus oder geringer Schulbildung beschäftigen sich weitaus häufiger und länger mit elektronischen Medien, insbesondere Fernsehen/Video, Spielkonsole und Handy. Gleiches gilt für Jungen und Mädchen aus den neuen Bundesländern und für Jungen, jedoch nicht für Mädchen mit Migrationshintergrund. Ein Zusammenhang zur körperlich-sportlichen Aktivität lässt sich für Jugendliche feststellen, die täglich mehr als 5 Stunden mit der Nutzung elektronischer Medien zubringen. Diese Gruppe der starken Nutzer ist zudem vermehrt von Adipositas betroffen.
MUNDGESUNDHEIT
29 % der Kinder und Jugendlichen putzen nur einmal täglich oder seltener die Zähne. Dieses Zahnputzverhalten weist einen sozialen Gradienten auf (Sozialstatus niedrig: 39 %, mittel: 28 %, hoch: 22 %) und ist bei Kindern mit Migrationshintergrund (45 %) häufiger festzustellen als bei jenen ohne Migrationshintergrund (26 %). Unterschiede manifestieren sich auch zwischen Mädchen und Jungen (Mädchen: 25 %; Jungen: 33 %). Die Ergebnisse zeigen, dass vor allem ein sozialstatus- und kulturspezifischer Präventionsbedarf besteht.
SEXUELLE REIFUNG (Tanner)
Der Menarchemedian beträgt 12,8 Jahre, der Median für die Mutation (Stimme tief) 15,1 Jahre. Signifikante Unterschiede im Menarchealter bestehen zwischen Mädchen in Abhängigkeit vom Sozialstatus (12,7/12,9/13,0 Jahre für niedrigen/mittleren/hohen Sozialstatus) und zwischen Mädchen mit und ohne Migrationshintergrund (12,5/12,9 Jahre).
ALLERGISCHE ERKRANKUNGEN
Kinder mit Migrationshintergrund waren aktuell seltener von einer atopischen Erkrankung betroffen, ebenso Kinder aus Familien mit niedrigem Sozialstatus.
ADIPOSITAS
15% der Kinder und Jugendlichen von 3-17 J. sind übergewichtig. 6,3% aller 3- bis 17-Jährigen, leidet unter Adipositas.
Der Anteil der Übergewichtigen steigt von 9% bei den 3- bis 6-Jährigen über 15% bei den 7- bis 10-Jährigen bis hin zu 17 % bei den 14- bis 17-Jährigen. Die Verbreitung von Adipositas beträgt bei den 3- bis 6-Jährigen 2,9 % und steigt über 6,4 % bei den 7- bis 10-Jährigen bis auf 8,5 % bei den 14- bis 17-Jährigen.. Ein höheres Risiko für Übergewicht und Adipositas besteht bei Kindern aus Famili-en mit niedrigem Sozialstatus, bei Kindern mit Migrationshintergrund und bei Kindern, deren Mütter ebenfalls übergewichtig sind.
MOTORIK
Dabei wurden die Dimensionen der motorischen Fähigkeiten: Koordination, Kraft, Ausdauer und Beweglichkeit getestet. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass zwischen Migrations- und Sozialstatus und der motorischen Leistungsfähigkeit ein Zusammenhang besteht.
Die aufgezeigten Unterschiede verdeutlichen, dass mögliche Interventionsprogramme spezifisch auf Alter, Geschlecht sowie die Belange von Kindern und Familien mit Migrationshintergrund und mit niedrigem Sozialstatus abgestimmt werden sollten.
PSYHISCHE GESUNDHEIT
Bei 11,5 % der Mädchen (M) und 17,8 % der Jungen (J) liegen Hinweise auf Verhaltensauffälligkeiten bzw. emotionale Probleme vor. Dennoch verfügen 92,5% bzw. 86,3 % über ein adäquates prosoziales Verhalten. Die häufigsten Problembereiche sind Verhaltensprobleme (M=11,9 %, J=17,6 %) emotionale Probleme (M=9,7 %, J=8,6 %) und Hyperaktivitätsprobleme (M=4,8 %, J=10,8 %). Etwa 8,1 % der Befragten mit hohem sozioökonomischem Status (SES), 13,4 % der mit mittlerem SES und 23,2 % der mit niedrigem SES zeigen Hinweise auf psychische Probleme. Kinder mit Migrationshintergrund sind häufiger betroffen als Kinder von Nicht-Migranten.
ESSSTÖRUNGEN
Insgesamt 21,9 % der Kinder und Jugendlichen in Deutschland im Alter von 11 – 17 Jahren zeigen Symptome von Essstörungen. Mädchen sind mit 28,9 % hochsignifikant häufiger betroffen als Jungen (15,2 %). Die Quote der SCOFF-Auffälligen (Screening f. V.a. Essstörung) steigt bei annähernd gleichen Ausgangswerten im Alter von 11 Jahren bei den Mädchen im Altersgang an, bei den Jungen fällt sie ab. Kinder und Jugendliche aus Familien mit niedrigem sozioökonomischem Status (SES) sind mit 27,6 % fast doppelt so häufig betroffen wie solche aus Familien mit hohem SES. Migranten weisen eine um ca. 50 % erhöhte Quote auf als Nicht-Migranten.
RISIKEN X RESSOURCEN (bzgl. psych. Entwicklung)
Kinder aus Familien mit einem niedrigen sozioökonomischen Status (SES) weisen häufiger Defizite in ihren personalen, sozialen und familiären Ressourcen auf. Auch unter Kindern mit Migrationshin-tergrund findet sich ein größerer Prozentsatz mit schwach ausgeprägten personalen und sozialen Schutzfaktoren. Ältere Kinder berichten geringere familiäre, aber mehr soziale Ressourcen als jüngere, Mädchen verfügen im Vergleich zu Jungen über mehr soziale, aber weniger personale und familiäre Ressourcen. Deutliche Zusammenhänge sind zwischen Schutzfaktoren und gesundheitlichem Risiko-verhalten zu erkennen. Defizite in personalen und familiären Ressourcen gehen mit einem erhöhten Risiko für Rauchen einher.
GEWALT
Haupt- und Gesamtschüler sowie Jugendliche mit Migrationshintergrund sind häufiger als Täter von Gewalterlebnissen betroffen und haben permissivere Einstellungen zu Gewalt als Gymnasiasten, Realschüler und Nichtmigranten. Soziale Benachteiligung und Migrationshintergrund sind mit erhöhter Gewaltbelastung und –bereitschaft von Jugendlichen assoziiert.
ADHS
Bei insgesamt 4,8 % der Kinder- und Jugendlichen wurde jemals ADHS diagnostiziert. Weitere 4,9 % der Teilnehmer können als Verdachtsfälle gelten.. ADHS wurde häufiger bei Teilnehmern mit niedrigem sozioökonomischem Status (SES) diagnostiziert als bei Teilnehmern mit hohem SES. Von Migranten wird seltener über eine ADHS-Diagnose berichtetet, sie sind jedoch häufiger unter den Verdachtsfällen. Diese Diskrepanz könnte auf eine Unterdiagnostizierung oder auf Inanspruchnahmeeffekte bei Migranten hinweisen.
ARZNEIMITTEL
Kinder mit Migrantionshintergrund gaben seltener eine Arzneimittelanwendung an, als Kinder aus Familien mit höherem Sozialstatus und ohne Migrationshintergrund.
Die am schwersten wiegende Erkenntnis ist, dass Kinder aus sozial benachteiligten Familien nicht nur in einzelnen Bereichen von Gesundheit und Lebensqualität schlechtere Ergebnisse aufweisen, sondern in durchweg allen. In dieser Gruppe findet man eine Häufung von Risikofaktoren, eine Häufung von Unfällen, Krankheit, Übergewicht, Umweltbelastungen, eine schlechtere gesundheitliche Versorgung und häufigere psychische Auffälligkeiten. Kindern aus Familien mit einem niedrigen sozioökonomischen Status haben weniger personale, soziale und familiären Ressourcen. "Zwischen diesen Schutzfaktoren und dem gesundheitlichen Risikoverhalten sind deutliche Zusammenhänge zu erkennen". Zum Beispiel rauchen Hauptschüler fünfmal häufiger als die Gleichaltrigen auf dem Gymnasium.
Quelle: Ergebnisse der Kinder- und Jugendgesundheitsstudie KiGGS - Zusammenfassung von Beiträgen im Bundesgesundheitsblatt Mai/Juni 2007
http://www.via-bund.de/service/info/KiGGS.pdf Mai/Juni 2007
http://www.kiggs.de/experten/downloads/dokumente/DE_neu_21.09.06_N_551_corr2_ohne_Korrekturmodus.pdf Sept. 2006
Bundesgesundheitsblatt Gesundheitsforschung Gesundheitsschutz
Volume 50, Numbers 5-6 / Mai 2007
http://www.springerlink.com/content/n7x6p037h116/?p=8923276ae91841f9812f71610398dbe8&pi=0