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Jugendliche türkischer Herkunft zwischen Möchtegern-Integration und Rückzug

 

Fikret Çerçi

 

Jugendliche türkischer Herkunft bilden die größte Gruppe unter den ausländischen Jugendlichen, die 12% der Altersgruppe ausmachen. Die Unterscheidung zwischen Klischees und tatsächlicher Situation dieser Jugendlichen schwierig.

Im  sogenannten Großstadt-Ghetto sollen die Gruppen tendenziell nach Geschlechtern getrennt, aber ethnisch gemischt leben. Typisch für türkische Jungen sei ihr geringes Interesse an der Schule. Sie würden ihr Leben in Lokalen des Stadtteils und im Verband einer "street corner society" organisieren, mit dem Ehrgeiz ein "guter Skater", ein "guter Rapper oder Breakdancer" zu sein oder auch Geschäfte am Rande der Legalität machen. Als wichtigste Eigenschaften werden "Härte", "Coolness" und "Macho-Sein" genannt. Sie bezeichnen sich oft selbst als "Kanaken"; von Deutschen werden sie u.a. als "Lans", "Moruks" oder "Proll-Türken" bezeichnet. Eine deutsch-türkische Mischsprache wie «hey lan, isch geb dir konkret handy» ist  ein Beispiel dafür wie  Sprechweisen der Straße durch mediale Verarbeitung populär werden (2).

Die jungen Frauen aus dem Ghetto seien ganz anderes orientiert. Vom Äußeren her seien auch sie auffallend mit ihrer engen, schwarzen Kleidung, Plateau-Schuhen, dem Piercing, der starken Schminke und den langen lockigen Haaren. Sie können sich provokativ, derb-anzüglich, oft auch aggressiv verhalten und reagieren scharf und unerbittlich auf Anmache und Herabsetzung (2).  Ihr Leitbild sei es, "fit, reaktionsschnell, schön und beruflich erfolgreich" zu sein, eine Beschreibung die nicht gerade zu dem Bild eines Türkenmädchens mit dem Kopftuch passen will. Es besteht häufig das Image von den unterdrückten orientalischen Mädchen oder von deren Depression, weil sie sich selbst im Frauenparadies des Westens  trotz aller gesetzlichen Freiheiten nicht besonders gut fühlen. Sie würden zu psychosomatischen Krankheiten neigen oder seien möglicherweise vermehrt suizidgefährdet. Hierüber existieren kaum verwertbare Studien.

Was ist davon wahr?

 

Risikofaktor soziale Lage

Aus unseren Praxen kennen wir Jugendliche die im Fastenmonat Ramadan wegen orthostatischen Beschwerden oder Bauchschmerzen vorgestellt werden, bei denen relativ  häufig Helicobacter pylori nachgewiesen wird und nach einem Heimaturlaub Hepatitis A. Abgesehen von wenigen selteneren Erkrankungen gibt es keine wesentlichen somatischen Unterschiede gegenüber gleichaltrigen deutschen Jugendlichen. Manche Eltern fragen nach einer  Zirkumzision oder konservative versuchen die Teilnahme eines jungen Mädchens bei einer Klassenfahrt oder beim Sport- und Schwimmunterricht zu verhindern. Dramatischer wird es wenn Mädchen gegen ihren Willen frühzeitig verheiratet oder aus anderen Gründen in ihr Herkunftsland geschickt werden sollen. Eine intime Beziehung mit Verlust der Jungfräulichkeit kann sich zu einer Tragödie entwickeln.

Allerdings ist der gesundheitsbezogene Effekt der Herkunftskultur geringer einzuschätzen als die Folgen der Lebensbedingungen von Migranten im Gastland. Daten zeigen, dass die Bedingungen des Aufwachsens bei Jugendlichen aus Migrantenfamilien in vielen Fällen ungünstiger sind, als die von deutschen Jugendlichen. Entscheidender Faktor bei der Bestimmung von spezifischen Risikofaktoren ist die soziale Lage. Sie hat zusammen mit  ungünstigeren schulischen Chancen der Migrantenkinder eine besonders große Bedeutung für das Auftreten von gesundheitlichem Missbefinden (3,18)

 

Suchtverhalten

An körperlichen Beschwerden leiden türkische Jugendliche häufig. Magenschmerzen sind bei Jungen aus der Türkei doppelt so häufig anzutreffen, wie bei deutschen. 40% der  türkischen Mädchen klagen über Magenschmerzen und etwas mehr als 45 % geben an, dass sie häufiger Kopfschmerzen haben.

Bezüglich der Risikoverhaltensweisen Alkohol- und Zigarettenkonsum ist der Umstand der Migration von untergeordneter Bedeutung (3).

Die Anzahl der Drogensüchtigen ist etwa gleich wie bei deutschen Jugendlichen, nur in einigen Großstädten scheinen sie häufiger betroffen zu sein. Von den Drogensüchtigen sind ca. 85% Männer. Bei den Frauen und Mädchen sollte man aber vor allen den Tablettenmissbrauch unter die Lupe nehmen.

Auf Grund der besonderen Rolle der Mütter sind Projekte wie „Suchtprävention mit Müttern aus der Türkei“ (5) unterstützenswert.

 

Soziale Identität

 

"Möchtegern"

Emigrantenjugendliche türkischer Herkunft  sind größtenteils  „Möchtegern-integriert“. Eine rein deutsche Identität wird abgelehnt, und zwar unabhängig davon welchen Pass sie besitzen. Der größte Teil von Jugendlichen mit nur türkischen Freunden hat den Wunsch, in der Klasse neben deutschen Jugendlichen zu sitzen oder diese zu sich nach Hause einzuladen. Diese Möchtegern-integriert  bezeichnete Gruppe verdient eine besondere Aufmerksamkeit, weil in dieser Gruppe die Bildungsaspiration am höchsten ist. Dies kann als Indikator dafür gelten, dass bei diesen Jugendlichen die Integrationsbereitschaft im Bildungssystem tatsächlich sehr groß ist.

 

Obwohl eine Befragung vom Fachbereich Psychologie und Erziehungswissenschaften der FU Berlin (2001) nicht repräsentativ ist, lässt sie darauf schließen, dass bei den türkischen Jugendlichen eine Tendenz existiert, sich im Prozess des Älterwerdens in der Freizeit eher auf die eigene Gruppe zurückzuziehen. Bei der Freundesauswahl der Jugendlichen spielen ethnische Kategorisierungen eine geringe Rolle. (6)

 

Etwas mehr als die Hälfte wünschen sich beide Staatsbürgerschaften. Zwei Drittel verfügt über einen türkischen, knapp ein Drittel hat einen deutschen Pass und wenige Jugendliche haben doppelte Staatsbürgerschaft.

 

Intensive Kontakte nötig

Nur ein geringer Anteil der Jugendlichen will in die Türkei zurück. Für ihre Zukunftsplanung gibt es  theoretisch vier verschiedene Möglichkeiten der Entscheidung: Assimilation (Jugendliche passen sich an die deutsche Gesellschaft an), Segregation (Jugendliche entscheiden sich für eine türkische soziale Identität), Integration (Jugendliche entscheiden sich für ein 'sowohl als auch‘ zwischen Mehrheit und Minderheit) oder Diffusion (Jugendliche fällen in keine Richtung eine Entscheidung). Tatsächlich entwickeln die Jugendlichen eine soziale Identität, die man am besten mit sektoral bezeichnen kann.

Großen Einfluss auf das Gefühl der Zugehörigkeit von Migrantinnen und Migranten hat ihr rechtlicher Status und ihre Akzeptanz bei der Bevölkerung (15). Die Möglichkeit interethnische Beziehungen zu pflegen wird an den gleichwertigen sozialen Status, Regelmäßigkeit und Intensität der Kontakte, beiderseitige Vorteile des Kontakts und die Verwirklichung eines gemeinsamen Ziels geknüpft (8).

 

Notfalls verteidigen

Deutschland als Staat hat in der türkischstämmigen Bevölkerung einen erstaunlich großen

Rückhalt. Gefragt, ob sie im Fall eines militärischen Angriffs durch Libyen oder Irak (es wurde bewusst ein islamisches Land genannt) zur Verteidigung Deutschlands beitragen würden, entschiede sich etwa die Hälfte der in Deutschland lebenden Türken für einen aktiven Verteidigungsbeitrag. Diese Zustimmung zu Deutschland ist vor dem Hintergrund deutscher Vergleichszahlen hoch. So waren vor dem 11. September nur 42 Prozent der Ostdeutschen bereit, die Gesellschaftsordnung Deutschlands zu verteidigen, Westdeutsche zu 73 Prozent (7).

 

Religion

 

Variablen, die einen positiven Einfluss auf die Ausbildung einer stabilen türkischen Identität haben, sind der religiöse Erziehungsstil der Mutter und das türkische kulturelle Kapital in der Familie (6).

 

Nach einer Befragung von 1.221 hier aufgewachsenen türkischen Jugendlichen im Alter von 15 bis 21 war festzustellen, dass der Islam bei 68% eine große Bedeutung hat. 67,4% lehnen die Auffassung ab, dass eine Orientierung am islamischen Glauben zu einer undemokratischen Gesellschaft führe. Ähnlich hoch ist auch die Ablehnung der Position, dass die Religion die Politik bestimmen müsse. Gleichwohl bleiben 38,3% der Meinung, dass sich die türkische Politik nach islamischem Recht ausrichten müsse, und 22,3% plädieren dafür, dass die Religion die Politik (auch im Sinn der Scharia) bestimmen müsse (9).

Es gibt eine Gruppe von Jugendlichen, bei denen die Eltern weniger Wert auf die religiöse Erziehung legen. In dieser Gruppe sind die türkische Identität, die Betonung der Geschlechtsrollendifferenz und das türkische kulturelle Kapital am geringsten ausgeprägt. Die Bereitschaft zur bikulturellen Identität ist bei ihnen am höchsten. (6)

 

Freizeitgestaltung

 

Fernsehen

Türkische Kinder und Jugendliche in Deutschland füllen ihre Freizeit vielgestaltiger als häufig angenommen. Nach einer Untersuchung des Bundespresseamtes „Mediennutzung und Integration türkischer Kinder 2000 in Deutschland“ sitzen sie keineswegs von morgens bis abends vorm Fernseher, um sich von türkischen Programmen berieseln zu lassen. Lieber treffen sie Freunde, spielen oder hören Musik und treiben Sport. Trotzdem ist das Fernsehen, ähnlich wie bei den deutschen Altersgenossen, aus dem Alltag der Jugendlichen nicht wegzudenken. Türkische Kinder haben vergleichsweise häufig Zugang zu einem Fernsehgerät, 77 Prozent geben Fernsehen als tägliche Freizeitbeschäftigung an.  Dabei liegt der Anteil der Kinder türkischer Herkunft, die deutschsprachiges Fernsehen dem türkischen Fernsehen vorziehen bei über 60 Prozent. Letzteres wird von nur etwa 7 Prozent ausschließlich wahrgenommen. (17) Jeder zweite Türke ist in seiner Mediennutzung „zweisprachig“.

Die türkischsprachigen Medien werden kritisch gesehen: Nur 14 Prozent der Deutschen türkischer Herkunft vertrauen türkischen Zeitungen und lediglich 11 Prozent dem türkischen Fernsehen (7).

 

Sport

Türkische Jugendliche sind weitaus häufiger in deutschen Vereinen und Gewerkschaften organisiert als in türkischen. 52 Prozent der türkischen Jugendlichen sind sowohl in einem türkischen als auch in einem deutschen Verein Mitglied (10). Der Deutsche Sportbund betreibt seit vielen Jahren aktive Integrationsarbeit. Türkische Jungen gehören fast genauso häufig Sportvereinen an wie deutsche Jungendliche, die Mädchen aber selten.

 
Freizeitgestaltung  

Traditionelle Bilder

Familien der türkischen Jugendlichen  sind häufig traditionell-patriarchisch geprägt. Mädchen und Jungen werden in Richtung der traditionellen Geschlechtsrollen erzogen. Sexualität wird tabuisiert. Eine sexuelle Aufklärung durch das Elternhaus findet zumeist nicht statt. Erziehung im Sinne traditioneller Werte heißt für die Mädchen, dass sie mit zunehmendem Alter, spätestens mit Eintritt der Pubertät einer besonderen Kontrolle unterliegen, die den guten Ruf der Tochter und damit die Ehre der Familie sicherstellen soll. In islamisch geprägten Moralvorstellungen kommt dem Gebot, Sexualität ausschließlich in der Ehe zu leben, große Bedeutung zu. Verliert eine Frau vor der Ehe ihre Jungfräulichkeit oder begeht Ehebruch, verliert sie nicht nur ihre Ehre, sondern die „Schuld“ ihres Vergehens fällt auf die Familienangehörigen zurück (Hier ist an die Möglichkeit einer Hymen-Plastik zu denken). Viele türkische jungen Männer teilen Mädchen in sogenannte „Familienmädchen“ (die Ehrbaren) einerseits und „Straßenmädchen“ (die Unehrenhaften) andererseits ein. Die Masturbation zählt  zu sexuellen Verstößen. In der türkischen Kultur wird den Jugendlichen männlichen Geschlechts im Gegensatz zu den Mädchen ein recht großer Freiraum in Sachen Sexualität und Partnerschaft zugestanden. Weibliche und männliche Homosexualität werden als schwere Sünde und Verbrechen gegen die gottgegebene Ordnung eingestuft. Beim homosexuellen Akt zwischen Männern wird eher der  passive Homosexuelle, der in der Stellung die  Frauenrolle einnimmt als eigentlicher Schwuler  (ibne) bezeichnet gilt somit als „ehrlos“. (11)

 

Unter Mädchen

Die türkischen Mädchen wünschen sich eine Sexualerziehung durch eine Lehrerin, die in geschlechtshomogenen Gruppen stattfindet. Sie würden gerne mehr über den eigenen Körper wissen, haben oft  Probleme, über die sie sich nicht trauen zu sprechen und fühlen sich häufig durch Sex in Medien verunsichert. Viele empfinden es als eine Benachteiligung, dass sie im Haushalt mehr als Jungen gefordert werden. Sie finden in ihren Eltern seltener als deutsche Kinder Ansprechpartner, denen sie Kummer anvertrauen können (11).

 

Aufklärungsmaterialien für Mädchen und Jungen aus Migrantenfamilien sollten klar und verständlich biologische Sachinformation vermitteln und dabei die für die jeweilige Kultur kennzeichnenden Themen und Tabuisierungen aufgreifen. So sollte beispielsweise in Materialen für moslemische Mädchen über die Bedeutung des Jungfernhäutchens informiert werden oder in Materialien zur Aids-Prävention darauf hingewiesen werden dass Olivenöl bei Verwendung von Kondomen kein geeignetes Gleitmittel darstellt. Große Bedeutung kommt auch der Information der Eltern zu.

 

Familie

 

Patriarchalische Gewalt

Die Familie wird zum Austragungsort von wachsenden Konflikten, in denen ein Teil der Väter unter Einsatz körperlicher Gewalt versucht, eine traditionelle Ordnung aufrecht zu erhalten. Die besonders hohe Gewaltrate männlicher türkischer Jugendlicher erscheint damit auch als Ausdruck eines Männlichkeitskonzeptes, das unter den sozialen Rahmenbedingungen unseres Landes mit wachsender Aufenthaltsdauer in eine tiefe Legitimationskrise gerät.

 

Straftäter

Der Frage der innerfamiliären Gewalt muss in jedem Fall eine große Beachtung geschenkt werden. Bei der Ermittlung der ethnischen Zusammensetzung der jungen Gefangenen in den westdeutschen Jugendstrafanstalten war der Anteil der jungen Türken fast dreimal so hoch wie ihr Bevölkerungsanteil in der entsprechenden Altersgruppe(12). Je besser die soziale Integration der jungen Türken und ihrer Familien gelingt, umso niedriger war die Gewaltrate ausgefallen. Für das Hineinwachsen der jungen Migranten in unsere Gesellschaft hat möglicherweise auch Bedeutung, in welchem Ausmaß sich diese in ihrer Umwelt akzeptiert sehen(13).

 

Respektpersonen

Größten Respekt genießen an erster Stelle die Mütter. Sie sind nicht selten die Achillesferse der türkischen Männer und müssen bei Präventionsbemühungen unbedingt beachtet werden. Bei Beratungen können manchmal auch ältere Brüder (ağabey), ältere Schwester (abla) aber auch manchmal andere Respektpersonen (Ärzte) eine große Rolle spielen.

 

Wandlungen

Einiges ändert sich mit der Zeit. Beispielsweise konnten in einer Zufallsstichprobe türkischer Jugendlichen im Alter zwischen 15 und 25 Jahren in Berlin im Jahre 2000 keine stark patriarchalischen Einstellungen festgestellt werden. Für die meisten Befragten war es allerdings sehr wichtig, später einmal eine eigene Familie zu gründen. Fast alle gaben an, dass der Vater bzw. die Eltern keinen Einfluss auf die Entscheidung bei der Berufswahl hatten, allerdings äußerten auch die meisten, dass das Familienoberhaupt bei schwierigen Entscheidungen das „letzte Wort“ habe (16).

 

Schule und Ausbildung

 

Bildungsmisere

Die soziale Integration in die deutsche Gesellschaft soll während der Schulzeit bewältigt und mit der emotionalen Assimilation an das Türkische zu vereinbaren versucht werden. Erstaunlicherweise scheint die Schule aber keinen wesentlichen  Beitrag für eine Verbesserung der sozialen Integration türkischer Jugendlicher zu leisten, was sich besonders an fehlender Sprachkompetenz zeigt.

Kinder bildungsschwacher Eltern haben es in Deutschland besonders schwer, somit vor allem Kinder von Ausländern. Dies zeigt die Studie "Educational Disadvantage in Rich Nations", der UNICEF 2002 (12). Diese Jugendlichen sind zwar bildungswillig und streben Abitur oder wenigstens die Mittlere Reife an, nur 10% nennen den erweiterten Hauptschulabschluss als Ziel (6). Bei näherem Hinsehen stellt sich heraus, dass die "Bildungsbeteiligung" der Ausländer trotz erheblicher Fortschritte in den letzten 20 Jahren noch ein gutes Stück hinter der deutscher Jugendlicher zurückbleibt. 1999 verfügten in Nordrhein-Westfalen 35,4 % der nichtdeutschen Schüler über einen Hauptschulabschluss, 31,6 % erreichten einen Realschulabschluss und 16,3 % die Hochschulreife. 16,73 % erreichten keinen Schulabschluss, das sind doppelt so viele wie bei deutschen Schülern (20).

 

Ohne Abschluss

Migrantinnen und Migranten haben vielfältige Kompetenzen - doch auf dem Ausbildungsstellenmarkt haben junge Leute ohne Migrationshintergrund nach wie vor die größeren Chancen: Von den insgesamt 65.300 jungen Emigranten, die sich 2000/2001 bei den Arbeitsämtern um einen Ausbildungsplatz bewarben, blieben 18% zu Beginn des Ausbildungsjahres 2001 ohne Lehrstelle (4). Nur 47% der ausländischen Berufsschüler hatte eine Lehrstelle, bei den deutschen waren es 62 %. Von den 103.000 nichtdeutschen Abgängern von beruflichen Schulen erreichten 35 % keinen Abschluss, bei den deutschen Berufsschülern waren es mit 16,5 % auch zu viele.

 

Dienstleistungsbereiche bevorzugt

Unter den Auszubildenden ausländischer Herkunft sind 41% türkisch. Die Mädchen fanden am häufigsten als Friseurin oder Arzt-/Zahnarzthelferin, die Jungen als Kraftfahrzeugmechaniker oder Maler und Lackierer einen Ausbildungsplatz. Im Bereich der Freien Berufe (Ärzte, Zahnärzte, Rechtsanwälte u.a.) ist der Anteil ausländischer Auszubildender 9,2%, bei Arzthelferinnen 11,1% und bei Zahnarzthelferinnen 9,9%.  Insbesondere für Mädchen bestehen also Chancen in diesen Ausbildungsbereichen (1).

Unabhängig vom Bildungsniveau streben ausländische Jugendliche eine Ausbildung bzw. Arbeit in der Computerbranche an, dabei zeigte sich, dass die Vorstellungen über dieses Gebiet umso unkonkreter waren je geringer das Bildungsniveau und der Integrationsgrad war.

Während 8% der deutschen Jugendlichen keine abgeschlossene Berufsausbildung haben, sind es bei türkischen Jugendlichen: 40%.

 

Teufelskreis

Die erhöhten Qualifikationsanforderungen der Wirtschaft stellen gerade für junge Ausländer eine besondere Hürde dar. Eine große Zahl ausländischer Jugendlicher gerät daher schon zu Beginn des Berufslebens in einen oft demotivierenden Teufelskreis. Schlechte Schulbildung und das Fehlen einer qualifizierten Ausbildung haben nur allzu oft eine schlecht bezahlte, sozial niedrig angesiedelte Stelle mit hohem Arbeitsplatzrisiko zur Folge. Sie stellten 1998 ein Viertel der Arbeitslosen, von denen bezeichnenderweise 94,4 Prozent über keine Berufsausbildung verfügten (20). Die Arbeitslosenquote bei den jugendlichen Ausländern ist in der Regel doppelt so hoch, wie bei den Deutschen.

 

Hilfsmöglichkeiten

 

Im Vordergrund der meisten Hilfsmaßnahmen stehen Beratungsangebote zur Orientierung

der Jugendlichen. Schulische Defizite  auszugleichen steht an zweiter Stelle. Maßnahmen zur beruflichen Qualifizierung und Ausbildung von Migrantenjugendlichen landen - in der Selbsteinschätzung der Träger - überraschenderweise auf dem letzten Platz.

Solche Maßnahmen  werden von  den Jugendlichen längst nicht immer akzeptiert. Es mangelt – zumindest in Teilbereichen - an „Zielgruppennähe“ aber auch an „Betriebsnähe“, d.h. an Nähe zur Wirtschaft. Es fehlen hochwertige ausbildungs- und berufsbegleitende Maßnahmen. 

 

Ressourcen und Vorbilder

Zu Bereichen, in denen  der Migrationshintergrund ein Vorteil sein könnte, gehören vor allem Unternehmen der Tourismusbranche, der Informations- und Kommunikationstechnik, der Immobilien- und Wohnungswirtschaft, der Gastronomie sowie im Bereich Aus- und Weiterbildung. Hier bestehen Entwicklungschancen in der Kooperation mit Unternehmen ausländischer Inhaber (14).

Vorbildliche Berufsbiografien, die ein Ansporn für Jugendliche sein könnten  fehlen oft unter den Mitgliedern der eigenen Ethnie. Es gilt also jene Bestrebungen zu fördern die nachweisbar fruchten (14). Unter dem Dach der IHK arbeitet schon seit Jahren eine Initiative, in der erfolgreiche Gesellen und Meister ausländischer Herkunft in der Landessprache bei Eltern und potenziellen Azubis für ihren Ausbildungsweg werben. Zusätzlich bedarf es interkultureller Elternarbeit, um Eltern dabei zu unterstützen, ihre Kinder zu motivieren und zu beraten.

 

Management der Integration

Die Koordinierung von Integrationsangeboten und Qualifizierung von Regelangeboten ist ein wesentliches Kriterium einer zukunftsgerichteten professionellen Integrationsarbeit mit zugewanderten Jugendlichen. Im Rahmen des Programms "Entwicklung und Chancen junger Menschen in sozialen Brennpunkten (E & C)" des BMFSFJ steht das Modellprogramm "Interkulturelles Netzwerk der Jugendsozialarbeit im Sozialraum" im Mittelpunkt. Hier erproben vor allem Jugendgemeinschaftswerke, wie die interkulturelle Öffnung der im Sozialraum bestehenden Einrichtungen und Dienste für zugewanderte Jugendliche und damit die Etablierung bzw. Weiterentwicklung interkultureller Netzwerke gefördert werden kann. Darüber hinaus geht es um die Bedürfnisse zugewanderter Jugendlicher in der Stadtentwicklungs- und Jugendhilfeplanung im Sinne eines umfassenden Integrationskonzepts (19)

 

Dr. med. Fikret Çerçi

Bachstr. 22

32756 Detmold

 

Quellen:

1. Werner R., Ausländische Jugendliche in Deutschland - Zahlen, Statistiken, in: Berufsbildungsbericht des Bundesministeriums für Bildung und Forschung, Bonn 2002

http://www.bibb.de/publikat/arbmat/migrant/auslaender_werner.pdf

2.  Keim I., Androutsopoulos J. «hey lan, isch geb dir konkret handy» , Deutsch-türkische Mischsprache und Deutsch mit ausländischem Akzent:  Wie Sprechweisen der Straße durch mediale Verarbeitung populär werden.(redigierte Version in der  F.A.Z, Nr. 21 (26.01.2000).

http://www.rzuser.uni-heidelberg.de/~iandrout_expired/papers/tuerkde.html

3. Settertobulte W., (2000): Gesundheitliche Lage und Risikoverhalten bei Jugendlichen aus Migrantenfamilien. In: Marschalck, P. & Wiedl, K.-H. (Hrsg.): Migration - Krankheit und Ge­sundheit. Aspekte vom Mental Health und Public Health in der Versorgung von Migranten. (IMIS Schriften Bd. 10), Osnabrück: Universitätsverlag Rasch

4. Chancengleichheit für MigrantInnen verbessern aus bibb vom 31.07.02

http://www.bibb.de/publikat/pm/pm02/pm310702.htm

5. Aykut M., Suchtprävention mit Müttern aus der Türkei, europäisches Modellprojekt, Suchtprävention mit MigrantInnen, Arbeiterwohlfahrt Kreisverband Stuttgart e. V.

6. Merkens H. et. al.: Individuation und soziale Identität bei türkischen Jugendlichen in Berlin.

 http://www.fu-berlin.de/presse/fup/archiv/pdw01/pdw_01_023.html

7.Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff, Projekt Zuwanderung und Integration

Türken in Deutschland, – Einstellungen zu Staat und Gesellschaft – Nr. 53/2001, Konrad-Adenauer-Stiftung,

http://www1.kas.de/publikationen/2001/staat/APnr53.pdf

8. Interkulturelles Konfliktmanagement, Endbericht zum Projekt http://www.zft-online.de/

9. Heitmeyer W., Islamisch-fundamentalistische Orientierungen bei türkischen jugendlichen

http://www.fes.de/fulltext/asfo/00230001.htm

10. Bericht der Unabhängigen Kommission Zuwanderung , 5.5. Mitgliedschaft in Organisationen

Bundesministerium für Inneren,

http://www.bmi.bund.de/dokumente/Artikel/ix_47011.htm

11. Gluszcznski A., Selbstwahrnehmung, Sexualwissen und Körpergefühl von Mädchen und Jungen der 3. bis 6. Klasse aus Migranten- und Aussiedlerfamilien, Ausgewählte Teilergebnisse einer Untersuchung der BZgA, in: Wissenschaftliche Grundlagen, Tei 1 –Kinder, Forschung und Praxis der Sexualaufklärung und Familienplanung, 1999, Hrsg. BZgA, S.41-102

12. UNICEF-Studie zu Bildungschancen in OECD-Ländern: Chancengleicheit:ungenügend! Schwache Schüler werden in Deutschland abgehängt.http://www.unicef.de/akt/akt_141.php?news_id=860

13.Pfeiffer C. / Wetzels P. ,Junge Türken als Täter und Opfer von Gewalt, Kriminologisches Forschungsinstitut Niedersachsen e.V.
http://www.kfn.de/tuerkfaz1.html  

14. Projekt „Arbeitsmarktintegration junger Menschen mit Migrationshintergrund in Köln“ , Bärsch J., Potter P., Wiedemeyer M., Nov. 2002 Ein Projekt der Fachhochschule Köln, orschungsschwerpunkt,Interkulturelle Kompetenz,Prof. Dr. Leenen W.R. in Kooperation mit dem Klaus Novy Institut e.V., http://www.kni.de/kni_aim.htm

15. Studie zur politischen Orientierung junger Migrantinnen und Migranten,

Das Deutsche Jugendinstitut in München im Auftrag des    Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Nr. 218:  Berlin, 28. Juli  2000, 

16. Kelm S., Mau D., Müller W.,  Nübel V., Schrenker  M., Berufswahl türkischer Jugendlicher , Empirische Untersuchung zum Einfluss migrationsbedingter Faktoren auf die Berufseinmündung von türkischen Jugendlichen in Berlin Humboldt-Universität zu Berlin, Institut für Sozialwissenschaften, Empirische Sozialforschung, SS 2000

17. 11. Presse- und Informationsamt der Bundesregierung: "Mediennutzung und

      Integration der türkischen Bevölkerung in Deutschland". Potsdam, 2001

http://www.digitale-chancen.de/content/stories/index.cfm/key.49/secid.8/secid2.64

18. Klocke, A. & Hurrelmann K.: Psychosoziales Wohlbefinden und Gesundheit der Jugendlichen nichtdeutscher Nationalität. In: Mansel, J. & Klocke, A. (Hrsg.): Die Jugend von heute: Selbstanspruch, Stigma und Wirklichkeit. Weinheim, München: Juventa Verlag 1996.

19. Auswertung der 40. "Sozialanalyse" zur Situation und Begleitung von Jugendlichen mit Migrationshintergrund von Mies-van Engelshoven B. u. Seidere I. im Arbeitsdruck" der BAG Jugendsozialarbeit (Auszüge auf

http://www.news.jugendsozialarbeit.de/021216Sozialanalyse.htm ,16.12.2002)

20.  www.hwk-duesseldorf.de/zahlen/auslaender2.htm