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Das Interview    

 

(Mittagsmagazin „Piazza“ auf WDR Funkhaus Europa, 15. Januar 2003) 

 

Können Sie Fallbeispiele aus ihrem Praxisalltag erzählen?

 

- Es werden erstaunlich wenig Kinder direkt wegen Übergewicht vorgestellt. Man muss dazu vielleicht sagen dass dicke ("wohlgenährte") Kinder in manchen Gruppierungen eher als positives Aushängeschild für die Familie und nicht als krank aufgefasst werden. Ich erinnere mich zuletzt an eine kurdische Familie, wo die Kindergärtnerein den Eltern gesagt hat sie sollten mit ihrem 5jährigen Kind zum Arzt gehen, es hatte so ca. 15 – 20 kg  Übergewicht. Die Eltern sind dann zu mir gekommen, wussten allerdings absolut nicht weshalb sie kommen sollten. Sie waren eigentlich ganz stolz dass ihr Kind so schön wohlgenährt war.

 

Jugendliche mit dem Wunsch dünner zu werden kommen oft 1-2 x, dann sieht man sie nicht mehr. Sie erwarten dann ein Allheilmittel und geben sofort auf wenn sie ihre Lebensgewohnheiten ändern sollen. Was in Jahren falsch erlernt wurde kann nicht so schnell geändert werden.

 

 

Mit welchen Folgekrankheiten kommen die übergewichtigen Kinder und Jugendlichen zu Ihnen?

 

Die Beschwerden  sind oft orthopädischer Art, wie Beinschmerzen, Haltungsbeschwerden, Wirbelsäulenverkrümmung, X-Beine besonders in der Pubertät. Bei den kleinen Kindern fällt besonders die motorische Ungeschicklichkeit auf. Mit dem häufig beschriebenen „Hänseln in der Schule“ kommt nur ganz selten jemand in die Praxis. (Ich frage mich immer, ob die Übergewichtigen nicht mehr zur Minderheit gehören). Bei adipösen Jugendlichen wird von zunehmenden Typ-2-

Diabeteserkrankungen berichtet 

 

Wir behandeln die Jugendlichen bis 18 Jahre bei uns in die Kinderarztpraxis, da sehen wir die Spätfolgen noch nicht

(Im Erwachsenenalter: Hypertonie, Koronare Herzkrankheit, Schlafapnoe, Fettleber, Arthrose, Erhöhtes Operationsrisiko)

 

  

Kommt Übergewicht bei Migrantenkindern besonders häufig vor?

 

Es gibt keine systematische Erhebung, jedoch Einzeluntersuchungen. Z.B. bei Schuleingangsuntersuchungen der Jahre 95-99 in Köln  wurde Übergewicht bei 11.4%  deutschen aber bei 19.0% der türkischen Kinder festgestellt (Etwa 18 % der ausländischen Kindern waren übergewichtig).

 

 

Woran liegt das?

 

Ernährungsprobleme im Zusammenhang mit Migration hängen überwiegend von Bildung, Einkommen und Wohnverhältnissen ab. Am stärksten vom Übergewicht bedroht sind Kinder schlecht gebildeter Eltern in den Ballungszentren der Großstädte.

Wir haben hier vorwiegend kein kulturelles Problem.

Was Fernsehkonsum und sportliche Aktivitäten betrifft, gibt es zwischen türkischen und deutschen Kindern kaum Unterschiede

 

 Eine Untersuchung des Presse- und Informationsamtes der Bundesregierung (BPA) zur „Mediennutzung und Integration türkischer Kinder 2000 in Deutschland“ 77% der Kinder türkischer Herkunft und 73% der Kinder aus deutschen Familien (KIM 99) sehen in ihrer Freizeit täglich oder fast täglich fern, Sportliche Aktivitäten gehören für 21% der Kinder türkischer Herkunft und 18% ihrer deutschen Altersgenossen (KIM 99) zu den Lieblingsbeschäftigungen.

 

 

Fehlernährung – Was essen Migrantenkinder?

 

Bei den Folgen der Fehlernährung sind bei Migrantenkindern eindeutig Adipositas und Karies die wichtigsten Punkte.

 

Es wird häufig behauptet dass die landesspezifische Nahrung die Hauptrolle spielen würde. z.B. Türken essen eben viel Brot, Kurden oder Italiener viel Teigwaren, Pasta. Viele Kosovo-albanische Kinder trinken literweise Milch, laufen auch im Hochsommer an Milchfläschchen nuckelnd durch die Gegend. So einfach sind die Zusammenhänge aber nicht zu erklären.

Sie kaufen in Deutschland  was sie in den Regalen finden.  Nudel mit Ketschup sind preisgünstig

auch Schokolade kostet oft nur ein paar Cents, das was sich die Eltern als Kind nicht leisten konnten. Es ist billig, sättigt und die Kinder freuen sich. Was ich betonen möchte, die mediterrane und nahöstliche Ernährung ist an sich  sehr gesund . Es ist schade, dass manche Ernährungsgewohnheiten teilweise verloren gehen

Wenn z. B. türkische Kinder verstopft sind und deshalb Trockenfeigen empfohlen werden  wundern sie sich und sagen: "Das essen wir doch nicht“. Die meisten Kinder sind wie die deutschen ziemlich verwöhnt, die Eltern klappern mit den ihnen die vollen Regale in den Supermärkten ab und lassen die süßen Kleinen alles einpacken, was lecker ist: Fruchtzwerge, Süßigkeiten etc. Aber Ayran, das ist verdünnter und gesalzener Joghurt, wird kaum noch getrunken. Eine vielleicht etwas  blauäugige Gedanke  wäre die Eltern wieder an die  Vorzüge der Küche ihrer Heimatländer zu erinnern, in etwa ein Kursus: Türkisch kochen und essen für Türken.

 

 - Wie ist das Bewusstsein für gesunde Ernährung von Migranten im Vergleich zu den Deutschen entwickelt

 

Es mag einen Unterschied geben, ich kenne dazu aber keine Studien - Ich würde so aus dem Bauch sagen: Die machen sich keine Gedanken darüber- sie essen einfach!

- was Preisgünstig ist , -satt macht und nicht anders als bei deutschen Kindern was den Kindern gefällt!

  

 

- Ihre persönliche Empfehlung als Arzt-

 

Fettarm essen, häufige kleine Mengen, viel Gemüse, Salat , Obst , ausreichend Flüssigkeit und natürlich viel Bewegung.

 

- Wo könne sich Migranten genauer informieren, wo Tipps bekommen?

 

Eigentlich nirgendwo, die Ernährungsberatung dauert sehr lange, die Ärzte werden dafür nicht entsprechend honoriert, sie  haben meistens wenig Zeit, eine schneller Erfolg ist sowieso nicht zu erwarten. Für diejenigen die die deutsche Sprache können ist es die gleiche Prozedur wie bei deutschen Kindern- für den Rest vielleicht ein paar Broschüren. (von der BZgA, deutsch-türkische Gesundheitsstiftung),

Meine Empfehlung: Für die Prävention auf längere Sicht können z.B. in den Kindergärten Erzieherinnen mit Migrationhintergrund sicherlich nützliche Dienste erweisen.

In der Praxis ist auch hier eine Arzthelferin die die Heimatsprache versteht sehr nützlich .

 

Tipp :  Taschenbuch: "Ali und Alicia - Liebe geht durch den Magen"

zweisprachiges Kochbuch (deutsch/türkisch), Hrg. Mander C. Vigoris Verlag, Preis: 6,95 E , ISBN 978-3-00-020008-3

 

Karies bei Migrantenkindern

 

Mittlerweile liegen in Deutschland aussagefähige Prävalenzstudien vor die die besondere Gefährdungvon Migrantenim gesamten Bereich der Mundgesundheit belegen.

Im Vergleich zu den deutschen Kindernist eine dramatische Überhöhung der Kariesprävalenz belegt. Van Steenkiste kam bei 12-Jährigen im Rems-Murr-Kreis zu einer Übehöhung von 71% gegenüber deutschen Kindern. Robke(1995) wies in seinen Arbeiten zur stadtteilorientierten Oralprophylaxe nach, dass in den sozialen Brennpunkten Migranten erreicht werden können, die eine um 68% überhöhte Karieshäufigkeit aufwiesen.

Die soziale Schichtung ergab hierbei bei fast allen Forschungsarbeitenlineare Korrelationen: Je niedriger der soziale Status, um so schlechter fiel die Mund- und Zahngesundheit bei Kindern und Jugendlichen aus. So fanden sich in einer repräsentativen Analyse 8-bis 9-jähriger Kinder (Dünninger & Piper1991) ca. 82% der „erkrankten Zähne“ bei 23% der Kinder. In den Problemgruppen sind Kinder aus  Familien mit Migrationsbiographien , mit niedrigen Schulabschlüssen und niedrigem Sozialprestige hoch überrepräsentiert. Die dramatischüberhöhte Kariesprävalenz macht Migranten zur Hochrisikogruppe (vgl.

Beiträge von Van Steenkiste und Robke in:Handbuch Oralprophylaxe und Mundgesundheit bei Migranten, Band 1, Forum für Oralprophylaxe und Mundgesundheit), Schneller T.,Salman R., Goepel C.(Hg.), DAJ