11. Oktober 2000
Stellungnahme
deutscher Kinder- und Jugendärzte
zur
Annulierung des EU-TabakWerbeverbots
Mit
großer Sorge haben die Kinder- und Jugendärzte in Deutschland die Nachricht
aufgenommen, dass der Europäische Gerichtshof
am 5. Oktober eine EU-Richtlinie für unzulässig erklärt hat, die ein
schrittweises Werbeverbot für Tabakprodukte vorsah. Wir bedauern sehr, dass
rechtliche und wirtschaftliche Gesichtspunkte wichtiger als der
Gesundheitsschutz der EU-Bürger erachtet wurden. In der internationalen Öffentlichkeit
wird mit erheblichem Befremden bemerkt, dass ausgerechnet Deutschland als
einziger Mitgliedstaat der EU gegen das Tabakwerbeverbot geklagt hat - ein Land,
das in puncto Anstrengungen zur Tabakkontrolle das Schlusslicht im erweiterten
Europa bildet (zusammen mit der Ukraine, Kasachstan und Kirgisien).
In
Deutschland sterben nach neuesten Berechnungen 117.000 Menschen pro Jahr an
Tabakfolgekrankheiten, es entstehen jährliche Folgekosten des Tabakkonsums in
Höhe von 80 Milliarden DM; in der Altersgruppe der 12- bis 17jährigen ist
die Raucherquote von 1993 bis 1997 von 21 auf 26% angestiegen. Ungefähr 80%
aller regelmäßigen Raucher fangen bis zum Alter von 18 Jahren mit dem
Tabakkonsum an. Erleichtert wird der Einstieg durch das dichteste Netz von
Zigarettenautomaten in Europa und durch den vergleichsweise niedrigen Preis
von Zigaretten, der zwischen 1990 und 1999 nur ganz geringfügig anstieg. Ein
Nichtraucherschutzgesetz wurde 1998 nach massivem Einsatz der Tabaklobby im
Bundestag abgelehnt. Insbesondere deutsche Wissenschaftler haben mit Geldmitteln
der Tabakindustrie dazu beigetragen, die offenkundig eminent schädlichen
Auswirkungen des Passivrauchens herunterzuspielen.
Als
Kinder- und Jugendärzte sind wir zunehmend besorgt über die Auswirkungen des
Passivrauchens auf die Häufigkeit von Plötzlichem Kindstod,
Mittelohrerkrankungen und Asthma. Auch hat uns eine neuere Studie amerikanischer
und englischer Forscher alarmiert, die widerlegt, dass Nikotinabhängigkeit bei
jungen Rauchern nur langsam entsteht. Bei etwa jedem fünften der untersuchten
12- bis 13jährigen Schüler entwickelten sich bereits innerhalb von vier Wochen
deutliche Symptome der Nikotinabhängigkeit. Was sich daraus ergibt, lässt sich
angesichts der Tatsache, dass Nikotin ein dem Kokain und Heroin vergleichbares
Suchtpotenzial besitzt, leicht ableiten.
Bereits
im Februar 1997 forderten Wissenschaftler, Ärzte und Fachleute in der
gesundheitlichen Aufklärung unter Federführung des Deutschen
Krebsforschungszentrums Heidelberg in Übereinstimmung mit einigen europäischen
Gremien in ihrer "Heidelberger Erklärung zur Tabakprävention für
Kinder und Jugendliche in Deutschland" die vorrangige Durchführung einer
Reihe von Maßnahmen wie Verbot des Verkaufs von Tabakprodukten an Minderjährige,
Abschaffung der frei zugänglichen Zigarettenautomaten, Verbot der öffentlichen
direkten und indirekten Werbung für Tabak, nachdrückliche Durchsetzung der
Rauchfreiheit in Schulen, Ausbildungsstätten und Jugendeinrichtungen,
Einrichtung eines bundesweiten Tabakinformationsdienstes und die
Finanzierung von Maßnahmen für ein Tabakpräventionsprogramm in Deutschland in
angemessenem Verhältnis zum Tabaksteueraufkommen. Die Erklärung endete mit den
nach wie vor gültigen Sätzen: "Wir fordern alle Verantwortlichen auf, zum
Schutz der Kinder und Jugendlichen in Deutschland ein verbindliches nationales
Programm zur Tabakprävention umzusetzen. Die Zeit der freiwilligen
Vereinbarungen ist aus unserer Sicht vorbei." Die auch vom Berufsverband
der Kinder- und Jugendärzte und der Deutschen Akademie für Kinderheilkunde und
Jugendmedizin unterzeichnete "Zweite Heidelberger Erklärung" vom
Oktober 1999 wiederholte die bisher in keiner Weise von unseren
Gesundheitspolitikern in Angriff genommenen Ziele und forderte nochmals die im
Gesundheitswesen Tätigen auf, eine aktive Rolle bei der Tabakprävention und
der Raucherentwöhnung für Kinder und Jugendliche zu übernehmen: "Wir
rufen dazu auf, nicht länger zuzusehen und abzuwarten angesichts des
steigenden Tabakkonsums von Kindern und Jugendlichen, von denen bei fortgesetztem
und regelmäßigem Rauchverhalten die Hälfte an den Folgen des Rauchens sterben
wird."
Als
Kinder- und Jugendärzte versuchen wir, in Klinik und Praxis diese Forderungen
umzusetzen. Aber wir können nicht länger schweigen und müssen uns öffentlich
heftig darüber beklagen, wie wenig den genannten Tatsachen von den
Verantwortlichen in der Gesundheitspolitik Rechnung getragen wird. Wir sehen
durchaus positive Ansätze in der Suchtpolitik der neuen Bundesregierung: z. B.
die Integration der Zuständigkeit für alle Drogen (illegale und legale) im Amt
der Drogenbeauftragten und Verbesserungen im Bereich der Suchtkrankenhilfe.
Ebenso wie die Deutsche Hauptstelle gegen die Suchtgefahren erwarten wir aber
immer noch konkrete Aussagen zum Umgang mit unseren Alltagsdrogen Alkohol und
vor allem Tabak. Auch wir halten die immer wieder genannten freiwilligen Beschränkungen,
die mit der Zigarettenindustrie bzw. der Werbewirtschaft vereinbart werden
sollen, für völlig unzureichend. Auch jetzt beim Tabakurteil des
EU-Gerichtshofes wird in der Öffentlichkeit überhaupt nicht deutlich, dass die
Bundesregierung "eigentlich inhaltlich ganz anders denkt". Wie denn?
Wie sehen denn ihre Konzepte aus, die den Anforderungen öffentlicher Gesundheit
standhalten? Stimmt es, dass es im BMG anders als in den Gesundheitsministerien
anderer Länder nicht einen einzigen hauptamtlichen Fachmann für
Tabakkontrollmaßnahmen gibt?
Wir
fordern die Bundesregierung und hier insbesondere das
Bundesgesundheitsministerium mit allem Nachdruck auf, endlich auch die
Nikotinsucht ernst zu nehmen und wenn schon (hoffentlich nur vorübergehend)
nicht im europäischen Rahmen, so doch auf nationaler Ebene erhebliche
Anstrengungen zu unternehmen, um dieses drängende Gesundheitsproblem anzugehen
und möglichst rasch eine steuernde und einflussnehmende Haltung einzunehmen.
Erarbeitet
von W.-R. Horn (Suchtbeauftragter des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte
e. V.) für die
Deutsche
Akademie für Kinderheilkunde und Jugendmedizin
(Dachverband
der pädiatrischen Gesellschaften)
Prof.
Dr. J. Brodehl