10. Kongress
des ,,European Network of the international Association for Adolescent Health"
Jugendliche, die irgendwoher kommen
Fikret
Çerçi
|
Thema
des Kongresses, der in Zusammenarbeit mit der Société Française de Pédiatrie am 26.9.-27.9. 2003 im
renommierten Institut Curie in Paris stattfand, war die Frage wie als Jugendärzte Kinder und Jugendliche vor
langfristigen Folgen schützen können. Diskutiert wurden Probleme, ihre körperliche
und seelische Gefährdung, der psychosoziale Hintergrund
Kommunikationsprobleme, kulturelle Einflussfaktoren und juristische
Hindernisse. Hier sind einige Highlights mit eigenen Ergänzungen zur
Situation in Deutschland. |
Wer sind diese Adoleszenten? Warum kommen sie nach Europa?
Das Wort Migrant wurde in
Paris als Überbegriff für alle Arten der Migration gebraucht: für Immigranten,
für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge oder sonstige Flüchtlinge, auch
für unregistrierte Migranten. Die Zusammensetzung der jugendlichen
Migranten-Population in verschiedenen Ländern ist unterschiedlich.
In Deutschland gibt es 2.5
Millionen Migranten aus der Türkei, eine halbe Million davon sind
mittlerweile
deutsche Staatsangehörige, oder Migranten aus dem ehemaligen Jugoslawien. In
der Schweiz sind es Kinder italienischer und portugiesischer
Arbeitsmigranten,
in Frankreich wohnen hauptsächlich
Migranten aus dem Maghreb und aus Afrika, in Großbritannien aus den
Commonwealth-Ländern.
Bei den mittlerweile
vertrauten Zuwanderern haben wir mit der medizinischen
Versorgung verhältnismäßig
wenige Probleme.
Mit anderen Dimensionen
sind wir bei Flüchtlingen konfrontiert, einer unbekannten Zahl von
unregistrierten Migranten, unbegleiteten Kindern und Menschen die manchmal
durch Schlepper, Schmuggler
oder Händler (sogenanntes traficking) ihren Weg zu uns finden. Kinderhändler
bezahlen häufig den Eltern Geld, um mit Versprechungen für eine bessere
Zukunft dann diese als billige Arbeitskraft, sexuell oder im Drogengeschäft
zu missbrauchen. Eine unbekannte Anzahl von älteren Adoleszenten oder
jungen Frauen aus mittel- und osteuropäischen Ländern werden in verschieden
Ländern als Prostituierte angeboten. Extreme Auswüchse sind beispielsweise
jüngere Adoleszenten,
die zahlreich nach Paris gebracht wurden und dort praktisch wie Obdachlose auf
der Straße leben und sich als männliche Prostituierte betätigen (IAAH
Kongress Paris, 2003).
Flüchtlinge
Der Hohe Flüchtlingskommissar
der Vereinten Nationen (UNHCR 2003 A) spricht von 20,6 Millionen Menschen, die
vor Krieg, Verfolgung und massiven Menschenrechtsverletzungen geflohen sind
oder sich in flüchtlingsähnlichen Situationen befinden. Nach Schätzungen
beträgt die Zahl aller
(Aus: La lettre trimestrielle du Comité l'Esclavage Moderne- No 14 Juin 2002 [Dessin de mutio] |
Exterritoriale Menschen
Eine Sicherstellung der
medizinischen Versorgung wird manchmal durch juristische Hürden verhindert. Auf
dem Flughafen Roissy am Rande von Paris gibt es ein sogenanntes exterritoriales
Gebiet, wo die medizinische Versorgung erschwert ist und der Staat manche
Pflichten wie Schulbildung nicht garantiert. Es bestehen hier sicher Parallelen
zu Deutschland, wenn man an Abschiebepraktiken, Abschiebehaft mit Trennung der
Familien, fehlende Schulpflicht für Flüchtlingskinder oder an die unübersichtliche
medizinische Versorgungslage der nicht registrierten Migranten denkt. Hier
empfiehlt es sich, mit Hilfsorganisationen zusammenzuarbeiten.
Den Jugendmedizinern der IAAH
und unseren Kollegen ist ein großes Lob auszusprechen, da sie am Schluss der
Tagung in einer Stellungnahme nicht nur die oben genannten Zustände
kritisierten, sondern auch nach Lösungswegen suchten, um diese Jugendliche zu
schützen, ihre medizinische Versorgung zu verbessern und nach Möglichkeit körperliche
und seelische Folgen zu vermeiden.
Im Kongressverlauf wurde darauf hingewiesen dass die Knochenalterbestimmung abgelehnt werden
sollte. Eine falsche
Altersbestimmung (wie unter 16 Jahre oder über 16 oder 18 Jahre) kann die
Jugendlichen in Schwierigkeiten bringen - manchmal mit ernsthaften Folgen.
Die gebräuchlichste
Methode zur Reifebeurteilung des Handskeletts stammt von Greulich und Pyle
(1959) und wurde für die sozioökonomisch besser gestellte amerikanische Bevölkerung
standardisiert. Diese Methode sei für die Altersbestimmung bei Adoleszenten Flüchtlingen
umstritten. Als Fehlerquellen wurden erwähnt: fehlende Referenzstandards für
die betroffenen Jugendlichen, Hinweise auf eine im Vergleich zur Vergangenheit
im jüngeren Alter erfolgende Knochenreifung
und Einfluss
von Ernährungsmängeln auf die Knochenreifung.
Auch ist die Zahnalterbestimmung
nicht gut standardisiert. Sicherer sind noch die TannerStadien.
Bei
Knochenalterbestimmungen, die in Frankreich an 40 rumänischen Jugendlichen
durchgeführt wurden, stellte sich nachträglich heraus, dass die Ergebnisse
etwa zwei Jahre unter dem tatsächlichen Alter lagen (verglichen mit in Rumänien
vorhandenen Unterlagen). (Quelle:
Rey,
c.: Determination de l'age chronologique che le mineur isole'.. d'inte'rets et
limites, Reseau Europeen de l'IAAH, Reunion Anuelle 26, 9.2002, Paris)
Medizinische Fragen
Die Herkunft der ankommenden Jugendlichen spiegelt die Migrationsbewegung wider. Die Konsultationsgründe in Arztpraxen unterscheiden sich wenig von anderen Jugendlichen. Dagegen sind in ihrer Anamnese viele Stressfaktoren zu finden, die häufig mit Familienproblemen zusammenhängen. Die körperlichen Klagen können eine Art kodierte Sprache darstellen (vgl. Michaud 1997).
Hämoglobinopathien
Ärzte, die in den Gegenden
mit vielen Migranten aus Afrika arbeiten, sollten ihre Kenntnisse über
Sichelzellanämie durch Fortbildungen verbessern. Besonders die Schmerzbekämpfung
ist wichtig. Je nach dem Herkunftsland muss man an bestimmte genetische
Erkrankungen denken, beispielsweise an familiäres Mittelmeerfieber. Bei
Patienten mit mikrozytärer Anämie, die aus dem Mittelmeerraum stammen, kann
eine Hämoglobinelektrophorese notwendig werden, um eine Thalassämie
auszuschließen. Von den Infektionskrankheiten gehören Hepatitis B und
Tuberkulose zu den häufigeren.
Beschneidung von Mädchen
Das Problem der
traditionellen weiblichen Beschneidung sollten die behandelnden Ärzte kennen.
Exzision, aber vor allem die schwere Form
,,Infibulation" führt zu zahlreichen Komplikationen. Viele der Mädchen
gehen nicht zum Arzt und sind über ihre Rechte nicht informiert. Sie können
in der Regel nur einen Mann aus ihrem Kulturkreis heiraten. Das Alter bei der
Durchführung des Eingriffes ist unterschiedlich. In der Schweiz wurden die
Eltern von einem Säugling verurteilt nachdem das Mädchen nach dem
Eingriff verblutet war. Dieses Problem ist aber nicht alleine mit Verboten zu lösen.
Eine
sexuelle Beratung bei islamischen Mädchen sollte Themen wie Jungfräulichkeit
und Hymen umfassen, die in diesem Kulturkreis eine besondere Bedeutung haben.
Dabei kann die Erklärung von Hymentypen, vor allem eine Darstellung der
Widersprüche, zum Denken anregen. Das Denken in schwarz-weiß-Kategorien ist häufig
problematisch. Die meisten islamischen Mädchen
wünschen sich weibliche Beraterinnen.
Flüchtlingskinder
brauchen psychologische Betreuung,
wenn chronische Angstzustände, depressive Verstimmung, anhängliches
und übermäßig abhängiges Verhalten, Schlafstörungen oder Albträume, schmerzliche
wiederkehrende Erinnerungen von Geschehnissen, Rückbildung in der sozialen
Entwicklung (z.B. Sprechen, Toilettentraining), verminderte Schulleistung,
Verhaltensprobleme (z.B. Schulschwänzen oder von zu Hause weglaufen) vorliegen.
Diese Befunde dürfen nicht
als Isolation missgedeutet werden. Die psychologische Beurteilung muss den
Kontext, die Hintergrundinformation berücksichtigen
und kultur-sensibel sein.
Interkulturelle Medizin,
Verständnis der Symptome
Bei zu großen kulturellen Differenzen und Verständnisproblemen bei neuen Immigranten können speziell ausgebildete Dolmetscher als Kulturvermittler besonders nützliche Dienste leisten. Wenn das Vertrauensverhältnis und die Kommunikation funktionieren, werden auch Diagnose und Behandlung erleichtert. In manchen Sprachen existieren nicht immer die gleichen Wörter, wie z.B. die Ausdrücke ,,unterbewusst", ,,Selbstverwirklichung", sogar der Begriff ,,Adoleszenz", und auf der anderen Seite können Wörter wie ,,Ehre", ,,Respekt" o.ä. einen völlig anderen Inhalt haben. Man muss auch die Körpersprache kennen. Der Dolmetscher ist keine programmierte digitale Übersetzungsmaschine. Bei einigen psychiatrischen Erkrankungen können Symptome kulturabhängig ausgedrückt werden.
Äußerungen
der Jugendlichen
Bei einem Gespräch
antwortete ein rumänischer Junge, der zur neuen Obdachlosenszene von Paris gehört,
auf die Frage: ,,Was willst Du werden?" mit ,,Fremdenlegionär". Der
überraschte Helfer sagte: ,,Da braucht man eine strenge Disziplin".
Daraufhin sagte der Junge ,,Disziplin macht mir nichts aus".
Ein anderes Beispiel:
Aussage eines AIDS-infizierten jungen afrikanischen Adoleszenten: ,,Man sagt
die Jugend ist Zukunft. Aber wenn die Jugend tot ist, dann gibt es keine
Zukunft."
Das hängt von der
Resilienz der einzelnen Jugendlichen
und selbstverständlich auch von der gesellschaftlichen Unterstützung,
den schulischen
Ausbildungsmöglichkeiten, Berufs- und Arbeitsmöglichkeiten ab. Die
Erhaltung der körperlichen und geistigen Gesundheit und die Prävention
ist unsere Aufgabe als Kinder-
und Jugendärzte.
Es gibt Menschen, die trotz
aller Widrigkeiten des Lebens es schaffen, damit fertig zu werden. Es gibt darüber
hinaus Studien, die zeigen, dass Trauma zu verstärktem Planungsverhalten,
prosozialem Verhalten, Selbstwirksamkeit, sogar zu einem weniger ausgeprägtem
Risiko-Verhalten führen können. Ein Betreuer von diesen
Jugendlichen erzählte, dass
einer von den oben genanten Problemjugendlichen
jetzt im zweiten Semester
auf der Sorbonne studiert. Die Erfolgsstorys, die kreativ-integrativen
Verhaltensweisen - die Frage, wie die erfolgreichen Migranten es geschafft
haben, an höhere Positionen zu kommen, muss auch in diesem Zusammenhang
durchleuchtet werden.
Schließlich waren nach
meiner Beobachtung unter den Kongressteilnehmern nicht wenige mit
Migrationshintergrund.
Zur gesundheitlichen
Situation der Flüchtlingskinder fehlen in Deutschland detaillierte
Untersuchungen. Die einzige flüchtlings-spezifische Erhebung, der Gesundheitsbericht
der Stadt Münster aus dem Jahr 1998, erfüllt zwar hinsichtlich
Stichprobenauswahl und Erhebungsmethodik nicht die Ansprüche epidemiologischer
Forschung, gibt aber wichtige
Hinweise (vergl. Gardemann 2002). Im Vergleich mit der Gruppe der Schulanfänger
in Münster zeigte sich hierbei eine erhebliche Mindernutzung bei gleichen
Zugangsmöglichkeiten. Die Teilnahme an den Vorsorgeuntersuchungen und die Durchimpfungsrate
waren im Vergleich zur Grundpopulation
deutlich niedriger. Eine komplette Immunisierung gegen Tetanus und
Diphtherie und Polio war nur bei 23% der Kleinkinder aus Flüchtlingsfamilien
belegt, eine Masernimpfung nur bei 29%. Ein Viertel der Flüchtlingskinder hatte
einen oder mehrere (maximal zehn) stationäre Krankenhausaufenthalte hinter
sich. Diese häufigen stationären Kurzaufenthalte wären durch eine
verbesserte Kenntnis und Inanspruchnahme des vorhandenen Regelversorgungssystems
zumindest teilweise vermeidbar gewesen (vergl. Gardemann 1998).
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Fazel, M., Stein, A. (2003) Mental health of refugee children: comparative
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Gardemann, J., Mashkoori,
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