Bundesgesundheitsbl - Gesundheitsforsch -
Gesundheitsschutz 2002 . 45:889-893
D01 10.1007/s00103-002-0497-x
Leitthema: Die Gesundheit von Kindern und Jugendlichen
J. Gardemann
Fachhochschule Münster
Soziale
Lage und Gesundheit Zur
Gesundheitssituation von Flüchtlingskindern
Zusammenfassung
Unter den
derzeit etwa 1,1 Millionen Flüchtlingen Inder Bundesrepublik Deutschland
befinden sich mehrere hunderttausend Kinder, die ihre Eltern in die Emigration
begleitet haben. Daneben halten sich zwischen 5000 und 10.000 unbegleitete
minderjährige Flüchtlinge in Deutschland auf. Aufgrund der jeweiligen
Lebensgeschichte und der Lebensumstände dieser Kinder ist von erheblich erhöhten
gesundheitlichen Risiken und von einer geringeren Inanspruchnahme von Angeboten
der Prävention und Gesundheitshilfe in dieser Gruppe auszugehen. Die
Heterogenität und Fluktuation dieser Bevölkerungsgruppe und die derzeit noch
geltenden ausländerrechtlichen Regelungen erschweren einen systematischen
Zugang und eine einheitliche Gesundheitsberichterstattung über Flüchtlingskinder
beträchtlich, so dass eine Datengrundlage über die Gesundheitssituation der Flüchtlingskinder
in Deutschland praktisch nicht vorhanden ist. Neben dem Ausbau
migrationsspezifischer und migrationssensibler Gesundheitsberichterstattung
besteht auch ein erheblicher Bedarf an sozialpädiatrischen Untersuchungen zur
Gesundheit von Flüchtlingskindern in Deutschland als Grundlage datengestützter
Gesundheitsförderung und Gesundheitshilfen. Aufgrund der vereinheitlichten
Aufenthaltstitel im neuen Zuwanderungsgesetz sowie durch den bundesweiten
Kinder- und Jugendsurvey des Robert Koch-Instituts ist eine erheblich
verbesserte Datenlage in den nächsten Jahren zu erwarten.
Schlüsselwörter:
Asylsuchende.
Flüchtlingskinder. Gesundheitsberichterstattung . Jugendsurvey . Sozialpädiatrie.Unbegleitete
Minderjährige
Social status and health. The well-being of refugee
children
Abstract
About 1.1 million refugees live in the Federal Republic
of Germany, induding several hundred thousand children who have emigrated with
their parents. In addition, there are an estimated 5,000-10,000 unaccompanied
refugee minors in Germany.The personal history and circumstances of these
children, as well as the deficient usage of preventive and therapeutic
facilities, contribute to in-creased health risks. Systematic access to and
health reporting on this population group is complicated by its variety turnover
and by the many legally defined subgroups. Due to these constraints,a database
on the health situation of refugee children in Germany is
practically nonexistent.With regard to health reporting, all
investigations should be migration-specific or migration-sensitive. For the
planning and implementation of preventive or therapeutic programs involv-ing
these refugee children, specific data from social, pediatric research programs
are im-perative.Within the next few years, a consid-erable improvement in the
data base is to be expected due to the new federal immigra-tion law with its
standardized resident permit status and due to the nationwide survey on the
health of children and youth.
Keywords: Asylum see kers Health reporting . Refugee
children Social pediatrics . Unaccompanied minors Youth survey
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Nach Schätzungen
des Hohen Flüchtlingskommissariats der Vereinten Nationen (UNHCR) leben in
Deutschland zwischen 5000 und 10.000 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge,
die allgemein als Kinderflüchtlinge bezeichnet werden [1, 2]. Diese
Minderjährigen waren und sind regelhaft einem höheren gesundheitlichen Risiko
ausgesetzt und bedürfen daher besonderer pädagogischer und therapeutischer
Hinwendung [3,4,5]. Neben dieser definierten Gruppe der Kinderflüchtlinge mit
ihren besonderen Traumaerfahrungen [6] halten sich schätzungsweise mindestens
300.000 unter 18-Jährige als Flüchtlingskinder in Deutschland auf [7,8], die
ihre Eltern in die Emigration begleitet haben oder bereits im Aufnahmeland
geboren wurden, eine weitaus größere, heterogene und ebenfalls sehr vulnerable
Gruppe [9, 10].
Daten aus klinischer und epidemiologischer Forschung
Die
unmittelbaren und langfristigen somatischen und psychischen Auswirkungen
erlebter kriegerischer oder Fluchtereignisse auf Kinder sind von den humanitären
Organisationen sowie von der klinischen Sozialpädiatrie und Kinder- und
Jugendpsychiatrie beschrieben worden. So warnt das Kinderhilfswerk der Vereinten
Nationen (UNICEF) eindringlich vor den langfristigen Folgen der Erlebnisse
kriegerischer Gewalt und Vertreibung [11]. Für den deutschen Sprachraum sind
hier auch besonders Untersuchungen an Kindern von Naziopfern und aus
vertriebenen Bevölkerungsgruppen der Nachkriegszeit in ihrer Aktualität immer
noch beeindruckend [12]. Erlebte oder vermittelte Erfahrung von Verlust der
Heimat und des sozialen Gefüges, von Flucht,Vertreibung oder gar Folter und
Misshandlung sind als Lebensereignisse von hoher und nachhaltiger
Gesundheitsrelevanz für Kinder und Jugendliche aus Flüchtlingsfamilien
bekannt, wie bereits eine Längsschnittuntersuchung aus dem Jahr 1952 an
266 vertriebenen oder geflohenen deutschen Schulanfängern der Geburts-Jahrgänge
1944 bis 1946 belegte [13].
diese Kinder
wurden entweder unter ganz außergewöhnlichen Umständen auf der Flucht geboren
oder aber aus ihrer vertrauten Umgebung herausgerissen; sie haben teilweise
feindlichen Beschuss, Hunger, Durst und Kälte erlitten und waren schweren
seelischen und körperlichen Belastungen der Flucht- und Lagerzeit
ausgesetzt.... Zwei Formen der Unangepasstheit werden dabei unterschieden:
erstens eine destruktive, gegen sich selbst gerichtete Unangepasstheit, die sich
in Unsicherheit, Gehemmtheit,
Skepsis, Ängstlichkeit und Resignation äußert und in letzter
Konsequenz zum Suizid führt, und zweitens eine aggressiv nach außen gerichtete
Unangepasstheit...
Angesichts
eines psychosozialen Interventionsprogramms für traumatisierte Vorschulkinder
und ihre Mütter in Bosnien-Herzegowina konnte die besondere Bedeutung sozialpädiatrischer
und psychosozialer Maßnahmen auch anhand somatischer Messgrößen belegt werden
[14]. Ebenso waren bei Flüchtlingskindern anlässlich der Einreise in
die USA signifikante Entwicklungsverzögerungen festzustellen [15].Auf die häufig
weitergehende Notwendigkeit psychiatrischer Betreuung und Behandlung von Flüchtlingskindern
im Aufnahmeland ist wiederholt hingewiesen worden [6, 17]. Die erlebte
Erfahrung gefährdender Lebensumstände zählt hierbei zu den nachhaltig
wirksamen gesundheitlichen Risikofaktoren [18,19]. Flucht und Vertreibung
als Phänomene erzwungener Migration stellen sich als gesundheitliche Beeinträchtigung
auch nach Ende der akuten Gefährdung heraus und werden so zum Aufgabenfeld öffentlicher
Gesundheitsdienste und epidemiologischer Forschung auch im Aufnahmeland
[20,21,22, 23]. Zur Bereitstellung einer angemessenen Betreuung der
Kinder und Jugendlichen mit erlebter oder vermittelter Gewalt- und
Fluchterfahrung [24,25,26] bedarf es daher auch hierzulande einer
spezifischen Berichterstattung auf kommunaler, Landes- und Bundesebene.
Die wenigen in
Berichtsform systematisch gesammelten Gesundheitsdaten über die Flüchtlingskinder
[9] und die Daten klinischer Forschung [17] deuten auch im deutschen
Sprachraum auf einen schlechteren Gesundheitsstatus und schlechtere
gesundheitliche Versorgung innerhalb dieser Bevölkerungsgruppe hin.
Unzureichende Unterbringung und Ernährung, Ausgrenzung und mangelndes
gesundheitsbezogenes Inanspruchnahmeverhalten der Eltern erscheinen als
alleiniges Erklärungsmuster nicht hinreichend. Gewalterfahrung, Angst,
Hilflosigkeit und Misserfolge als solche erhöhen bei Eltern und Kindern die
disstressvermittelte Krankheitslast und machen neben therapeutischen Maßnahmen
auch Interventionen in die soziale Umwelt erforderlich [27]. Die heutige
Sozialepidemiologie unterscheidet in der Lebensereignisforschung zwischen
krankheitsauslösenden Ereignissen und allgemeinen Vulnerabilitäten psychischer
und sozialer Art, die z.B. als Konsequenz eines früheren Verlustereignisses die
Bewältigungsmöglichkeiten einschränken [28]. Obwohl diese
Beobachtungen der Sozialepidemiologie überwiegend der Erwachsenenwelt
entstammen, sind hier auch bei den Flüchtlingskindern zumindest durch das
Elternhaus vermittelte Beeinträchtigungen denkbar. Allerdings bedarf es auch
hier einer erheblichen Verbesserung der Datengrundlage und hierbei einer weitaus
stärkeren Berücksichtigung von Fragen des Lebenslaufes [29,30]. Die
Zusammenhänge zwischen sozialer Ungleichheit und der Gesundheit von Kindern
sind in letzter Zeit zwar Gegenstand epidemiologischer Forschung [31], eine
kleinräumige Gesundheitsberichterstattung über den Gesundheitsstatus der Flüchtlingskinder
und Kinderflüchtlinge ist aber als Datengrundlage zielgruppengerichteter
gesundheitsplanerischer Maßnahme in Kommunen und Ländern leider kaum
vorhanden. Die Heterogenität dieser Gruppe, ihre hohe Fluktuation und ihr
uneinheitlicher ausländerrechtlicher Status erschwert offensichtlich eine
systematische Berichterstattung über diese Bevölkerungsgruppe. So beklagte der
Vorsitzende der Kinderkommission des Bundestages im Februar 2002 anlässlich
einer Anhörung zur Lage der Flüchtlingskinder in Deutschland noch die ,,unübersichtliche
statisti-sche Lage“ [32,33].
Demographische und ausländerrechtliche Situation
Die ausländerrechtlichen
Kategorien der Asylsuchenden, Asylberechtigten, Kriegs-, Bürgerkriegs- und
De-facto-Flüchtlinge erschweren offensichtlich eine einheitliche und
systematische Berichterstattung über den Gesundheitszustand der Menschen, die
die Bundesrepublik Deutschland zum Schutz ihrer Person oder ihrer Familien
aufgesucht haben. Im Jahr 2000 verteilte sich die Flüchtlingspopulation
in Deutschland auf folgende Gruppen [34]:
-
78.564 Personen beantragten politisches Asyl in Deutschland (Art. 16a
GG), (in den letzten
Jahren beträgt die Anerkennungsquote 3,0% bis 4,9%),
-
37.078 Personen waren als Kriegsflüchtlinge aus Bosnien-Herzegowina
anerkannt (§ 32a AuslG),
-
110.000 Personen waren als Kriegsflüchtlinge aus dem Kosovo anerkannt (§
32a AuslG),
-
261.000 Personen hatten aufgrund von humanitären oder politischen Rückkehrhindernissen
den Status eines
De-facto-Flüchtlings mit ausländerrechtlicher Duldung.
Unter Berücksichtigung
der bereits in Deutschland lebenden Asylberechtigten, Kontingentflüchtlingen,
Familienangehörigen von anerkannten Flüchtlingen und weiterer Gruppen lebten
im Jahr 2000 insgesamt etwa 1,1 Millionen Flüchtlinge in Deutschland
[35].Angesichts der unüber-sichtlichen demografischen Angaben ist es nicht
verwunderlich, dass selbst die Berichte der Beauftragten der Bundesregierung für
Ausländerfragen bislang keine gesicherten Angaben zur gesundheitlichen
Situation der Flüchtlinge enthalten konnten [34,35,36].Die derzeit noch sehr
uneinheitliche ausländerrechtliche Kategorisierung der Flüchtlinge, ihre auch
lebensgeschichtlich extreme Heterogenität, die hohe Fluktuationsrate sowie ein
nicht unbedeutender Anteil von Menschen ohne gesicherten ausländerrechtlichen
Status erschweren insgesamt eine bundesweit übersichtliche
Gesundheitsberichterstattung über den Gesundheitszustand der Flüchtlinge und
insbesondere der Flüchtlingskinder. So ist auch die Bundeszentrale für
gesundheitliche Aufklärung in ihrem Sonderband ,,Gesundheit von Kindern -
Epidemiologische Grundlagen [37] im Jahr 1998 noch nicht auf migrations-
und fiüchtlingsspezifische Berichterstattung eingegangen, wenngleich in einem
Beitrag der dringende Forschungs-Bedarf schon betont wurde [38].
Bundesweiter Arbeitskreis ,,Migration und öffentliche Gesundheit"
Die Beauftragte
der Bundesregierung für Ausländerfragen hat 2002 anlässlich der
Bundeskonferenz der Ausländerbeauftragten von Bund, Ländern und Gemeinden
nachdrücklich eine interkulturelle Öffnung im Gesundheitswesen gefordert und
die Bedeutung des Themas ,,Migration und Gesundheit“ hervorgehoben [39]. Seit
1994 besteht bei der Bundesausländer
beauftragten
ein Arbeitskreis ,,Migration und öffentliche Gesundheit der bereits zahlreiche
migrationsspezifische Handreichungen für das Gesundheitswesen herausgebracht
hat [40] und in Kooperation mit der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung
in Köln einen ,,Infodienst Migration und öffentliche Gesundheit“ unterhält
[41]. Ebenfalls hat der bundesweite Arbeitskreis im Jahr 2001 intern
einen tabellarischen Vergleich verschiedener Gesundheitsberichte unter dem
Aspekt der Berücksichtigung von Migranten vorgelegt [42], der nur in
einer einzigen Kommune eine länger zurück-liegende Darstellung der
gesundheitlichen Situation von Flüchtlingskindern ausweisen konnte, deren
wichtigste Aussagen nachfolgend erwähnt werden [9].
Gesundheitsberichterstattung der Kommunen
Zu dem
nachfolgend vorgestellten Gesundheitsbericht der Stadt Münster aus dem Jahr
1998 [9] muss angemerkt werden, dass es sich hierbei um eine einmalige,
kleinräumige und orientierende Erhebung in Gemeinschaftsunterkünften im
Auftrag der kommunalen Gremien handelte, so dass hinsichtlich Stichprobenauswahl
und Erhebungsmethodik nicht die Ansprüche epidemiologischer Forschung erfüllt
wurden.
In den städtischen
Übergangseinrichtungen in Münster wohnten im Erhebungszeitraum August 1997 86
Familien mit insgesamt 178 Kindern. In einer Aufstellung der Häufigkeiten
des jeweils für die Kinder angegebenen Landes des Geburtsortes fiel auf, dass
22% der Flüchtlingskinder in Münster bereits in Deutschland geboren
waren. Die Länder Südosteuropas stellten mit insgesamt 53% den zahlenmäßig
überwiegenden Anteil der Geburtsländer dar. Als Versorgungsindikatoren wurden
die Teilnahmeraten an kinderärztlichen Vorsorgeunter-suchungen und Impfungen
herangezogen, wobei aufgrund unzureichender Vergleichbarkeit verschiedener
sozialmedizinischer Systeme in Abhängigkeit vom jeweiligen Herkunftsland nur
Daten der bereits in Deutschland geborenen Flüchtlingskinder ausgewertet werden
konnten. Im Vergleich mit der Gruppe der Schulanfänger in Münster zeigte sich
eine erhebliche Mindernutzung bei prinzipiell gleichen Zugangsmöglichkeiten. So
waren immerhin noch 70% der Flüchtlingskinder in Münster bei der Geburt kinderärztlich
untersucht worden (Ul, U2), die Teilnahmerate sank aber rasch auf 59% nach sechs
Wochen (U3) und auf 23% nach sechs Monaten (U5), um nach einem Jahr (U6)
nur noch 8% zu betragen.
Der Vergleich
der Immunisierungsraten von Flüchtlingskindern und allgemeiner Kinderpopulation
in Münster zeigte ebenfalls ganz erhebliche Unterschiede zuungunsten der Flüchtlinge.
Zwar war hierbei auch denkbar, dass in einigen Fällen aufgrund der
Fluchtsituation ein vorhandenes Impfdokument verloren gegangen war jedoch ist
nach Empfehlung der Ständigen Impfkommission sicherheitshalber bei fehlender
Dokumentation von Ungeimpftheit auszugehen und eine Grundimmunisierung
vorzunehmen. Auch zeigte wiederum ein Vergleich der in Deutschland geborenen Flüchtlingskinder
mit der Grundpopulation eine deutlich geringere Immunisierungsrate und belegte
somit die geringere Inanspruchnahme auch bei prinzipiell gleicher Zugangsmöglichkeit.
Eine komplette Immunisierung gegen Tetanus, Diphtherie und Polio war nur bei 23%
der Kleinkinder aus Flüchtlingsfamilien belegt, eine Masernimmunisierung
nur bei 29% der Kleinkinder.
Ein Viertel der
Flüchtlingskinder hatte einen oder mehrere (maximal zehn) stationäre
Krankenhausaufenthalte in Deutschland hinter sich. Die Aufstellung der
Krankenhaustage zeigte, dass in 16% der Nennungen bei den Befragten ein eintägiger
Klinikaufenthalt und in 33% der Nennungen ein Klinikaufenthalt bis zu drei Tagen
angegeben wurde. Diese häufigen stationären Kurzaufenthalte führen zu
erheblicher psychosozialer Belastung des Kindes und seiner Familie, rufen
erhebliche Mehrkosten durch stationäre Pflegesätze hervor und wären durch
eine verbesserte Kenntnis und Inanspruchnahme des hiesigen medizinischen
Regelversorgungssystems zumindest teilweise vermeidbar gewesen.
Zwar hat diese
kleinräumige Berichterstattung im Jahr 1998 zur Sensibilisierung der
kommunalen Politik und zum Aufbau einer dauerhaften flüchtlingsspezifischen
Gesundheitshilfe in der Kommune geführt, leider ist sie aber auf dem Status
eines Einzelberichtes ohne weitere Monitordingfunktion stehen geblieben und hat
demzufolge die Ansprüche an eine effiziente kommunale
Gesundheitsberichterstattung bislang noch nicht erfüllen können.
Gesundheitsberichterstattung der Länder und des Bundes
Auch auf der
Ebene der Gesundheitsberichterstattung des Bundes sowie der Länder sind
migrationsspezifische oder gar flüchtlingsspezifische Darstellungen erst im
Aufbau. Die 10. Landesgesundheitskonferenz des Landes Nordrhein-Westfalen hat am
31.August 2001 die Ent-Schließung ,,Soziale Lage und Gesundheit“
verabschiedet, in der auf die methodischen Schwierigkeiten bei der
migrationsspezifischen Analyse vorhandener sozialmedizinischer und
epidemiologischer Datenbestände zur Darstellung der gesundheitlichen Lage von
Zuwanderern in großer Deutlichkeit hingewiesen wurde, ohne jedoch den Bedarf
von einer flücht-lingsspezifischen Darstellung hervorzuheben [43]. Bereits im
Jahr 2000 hatte die Landesregierung Nordrhein-Westfalen einen umfangreichen und
methodisch vorbildlichen migrationsspezifischen
Landesgesundheitsbericht vorgelegt [44]. Erstmals wurde in dieser Darstellung
von Gesundheitsindikatoren zwischen Deutschen, Zuwanderern, Über- und
Aussiedlern sowie verschiedenen Staatsangehörigkeiten aufgeschlüsselt, eine flüchtlings-spezifische
Betrachtung wurde jedoch nicht unternommen.
Ebenfalls im
Jahr 2000 gab das Landesinstitut für den Öffentlichen Gesundheitsdienst
in Nordrhein-Westfalen einen umfassenden Leitfaden zur interkulturellen
Gesundheitsförderung heraus, der zwischen migrationsspezifischer und
migrationssensibler Gesundheitsberichterstattung unterscheidet und vielfältig auch auf die Flüchtlingsgesundheit
eingeht, ohne allerdings hierzu weitere Daten vorlegen zu können [45].
Der
Schleswig-holsteinische Landtag hat in seiner 15. Wahlperiode im Jahr 2002 eine
Antwort der Landesregierung auf eine Große Anfrage der Fraktion Bündnis 90/Die
Grünen zur Gesundheitssituation der Migranten in Schleswig-Holstein
herausgegeben [46]. In dieser Landtags-Drucksache wird die medizinische
Versorgung von Flüchtlingen nach dem Asyl-Bewerberleistungsgesetz sowie die
Situation der traumatisierten Kriegs- und Folteropfer ausführlich erläutert.
Einmal mehr betonen die Herausgeber den Vorbehalt einer unzureichenden und
uneinheitlichen Datenlage [47]. Eine Frage zur gesundheitlichen Situation der Flüchtlingskinder
wurde parlamentarisch nicht gestellt und ist daher in der Landtags-Drucksache
nicht beantwortet.
Insgesamt
bleibt festzustellen, dass zur Gesundheitssituation von Flüchtlingskindern in
der Bundesrepublik Deutschland derzeit keine Datengrundlage verfügbar ist. Die zahlreichen bisherigen erfolgreichen Maßnahmen
zielgruppengerichteter Prävention, Gesundheitsförderung und Gesundheitshilfe
gründen zumeist auf dem Erfahrungswissen der pädagogischen oder medizinischen
Fachkräfte oder ziehen internationale Daten vergleichend heran [48,49,50,51].
Der Bedarf nach einer sozialpädiatrischen und epidemiologischen Beschreibung
des Gesundheitszustandes der Flüchtlingskinder in Deutschland ist evident.
Fazit für die Praxis
In der
Bundesrepublik Deutschland widmen sich zahlreiche lokale und überregionale
Organisationen und zunehmend auch klinische Einrichtungen gezielt der
Gesundheitsförderung und der Gesundheitshilfe für die Kinder aus Flüchtlingsfamilien.
Das lokale Expertenwissen und die gewonnene Praxiserfahrung sind wesentliche und
oft ausschließliche empirische Grundlage dieser wichtigen
sozialkompensatorischen Gesundheitsarbeit. Durch Vernetzung der zahlreichen
lokalen Einzelaktivitäten [41] und durch die koordinierende Tätigkeit öffentlicher
Gesundheitsdienste [52] ist es zu einer spürbaren Verbesserung der
Informationslage und zu einer deutlicheren Problembenennung im politischen Raum
gekommen. Ehrenamtlich tätig zugunsten der Kinderflüchtlinge in Deutschland
sind neben vielen lokalen Gruppierungen besonders:
- Deutscher Kinderschutzbund
e.V. [53],
- terre des hommes
Deutschland e.V. [54],
- UNICEF Deutschland [55],
- Bundesverband Unbegleitete
Minderjährige Flüchtlinge e.V. [56],
- Unterstützerkreis für
die von Abschiebung bedrohten Kinder und Jugendlichen e.V. [57],
- Arbeitsgemeinschaft für
Jugendhilfe [58].
Dauerhaft sind
Klinikerfahrung und Praxiswissen jedoch als Datengrundlage nicht ausreichend und
akzeptabel. Die Forderung nach migrationsspezifischer und migrationssensibler
Gesundheitsberichterstattung [45] sowie nach der Aufnahme so gewonnener
interkultureller Inhalte in die Aus-, Fort- und Weiterbildung des Fachpersonals
ist daher auch von der Beauftragten der Bundesregierung für Ausländerfragen
nachdrücklich vertreten worden [39]. Bundeseinheitliche verbindliche Regelungen
über eine Schulpflicht auch für Flüchtlingskinder könnten dem Öffentlichen
Gesundheitsdienst einen flächendeckenden Zugang zu dieser Bevölkerungsgruppe
zur Berichterstattung und Betreuung eröffnen [59]. Methodisch können die
vereinfachten Regelungen bezüglich des Aufenthaltstitels im neuen
Zuwanderungsgesetz für die Bundesrepublik Deutschland [60] zu einer
einheitlicheren und vollständigeren epidemiologischen Erfassung der hiesigen Flüchtlingspopulation
führen. Ebenso ist von dem kürzlich begonnenen Kinder- und Jugendsurvey des
Robert Koch-Institutes im Rahmen thematischer Module eine zuverlässige
Datenbasis über den Gesundheitszustand der Flüchtlingskinder in Deutschland zu
erhoffen [61,62]. In einem Modul zu psychischer Gesundheit beispielsweise wären
in diesem Zusammenhang als zusätzliche Sozialdaten noch Staatsangehörigkeit,
Geburtsort, Geburtsort der Eltern und Aufenthaltsstatus sehr hilfreich.
Prof. Dr.
Joachim Gardemann
Kompetenzzentrum
Humanitäre Hilfe,
Fachhochschule
Münster,
Leonardo-campu5
7,48149 Münster
E-Mail:
gardemann@rh-muenster.de