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Bundesgesundheitsbl - Gesundheitsforsch -

Gesundheitsschutz 2002 . 45:889-893

D01 10.1007/s00103-002-0497-x

Leitthema: Die Gesundheit von Kindern und Jugendlichen

J. Gardemann Fachhochschule Münster

 

Soziale Lage und Gesundheit Zur Gesundheitssituation von Flüchtlingskindern

 

Zusammenfassung

Unter den derzeit etwa 1,1 Millionen Flüchtlingen Inder Bundesrepublik Deutschland befinden sich mehrere hunderttausend Kinder, die ihre Eltern in die Emigration begleitet haben. Daneben halten sich zwischen 5000 und 10.000 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge in Deutschland auf. Aufgrund der jeweiligen Lebensgeschichte und der Lebensumstände dieser Kinder ist von erheblich erhöhten gesundheitlichen Risiken und von einer geringeren Inanspruchnahme von Angeboten der Prävention und Gesundheitshilfe in dieser Gruppe auszugehen. Die Heterogenität und Fluktuation dieser Bevölkerungsgruppe und die derzeit noch geltenden ausländerrechtlichen Regelungen erschweren einen systematischen Zugang und eine einheitliche Gesundheitsberichterstattung über Flüchtlingskinder beträchtlich, so dass eine Datengrundlage über die Gesundheitssituation der Flüchtlingskinder in Deutschland praktisch nicht vorhanden ist. Neben dem Ausbau migrationsspezifischer und migrationssensibler Gesundheitsberichterstattung besteht auch ein erheblicher Bedarf an sozialpädiatrischen Untersuchungen zur Gesundheit von Flüchtlingskindern in Deutschland als Grundlage datengestützter Gesundheitsförderung und Gesundheitshilfen. Aufgrund der vereinheitlichten Aufenthaltstitel im neuen Zuwanderungsgesetz sowie durch den bundesweiten Kinder- und Jugendsurvey des Robert Koch-Instituts ist eine erheblich verbesserte Datenlage in den nächsten Jahren zu erwarten.

Schlüsselwörter: Asylsuchende. Flüchtlingskinder. Gesundheitsberichterstattung . Jugendsurvey . Sozialpädiatrie.Unbegleitete Minderjährige

 

Social status and health. The well-being of refugee children

 

Abstract

About 1.1 million refugees live in the Federal Republic of Germany, induding several hundred thousand children who have emigrated with their parents. In addition, there are an estimated 5,000-10,000 unaccompanied refugee minors in Germany.The personal history and circumstances of these children, as well as the deficient usage of preventive and therapeutic facilities, contribute to in-creased health risks. Systematic access to and health reporting on this population group is complicated by its variety turnover and by the many legally defined subgroups. Due to these constraints,a database on the health situation of refugee children in Germany is  practically nonexistent.With regard to health reporting, all investigations should be migration-specific or migration-sensitive. For the planning and implementation of preventive or therapeutic programs involv-ing these refugee children, specific data from social, pediatric research programs are im-perative.Within the next few years, a consid-erable improvement in the data base is to be expected due to the new federal immigra-tion law with its standardized resident permit status and due to the nationwide survey on the health of children and youth.

Keywords: Asylum see kers Health reporting . Refugee children Social pediatrics . Unaccompanied minors Youth survey

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Nach Schätzungen des Hohen Flüchtlingskommissariats der Vereinten Nationen (UNHCR) leben in Deutschland zwischen 5000 und 10.000 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge, die allgemein als Kinderflüchtlinge bezeichnet werden [1, 2]. Diese Minderjährigen waren und sind regelhaft einem höheren gesundheitlichen Risiko ausgesetzt und bedürfen daher besonderer pädagogischer und therapeutischer Hinwendung [3,4,5]. Neben dieser definierten Gruppe der Kinderflüchtlinge mit ihren besonderen Traumaerfahrungen [6] halten sich schätzungsweise mindestens 300.000 unter 18-Jährige als Flüchtlingskinder in Deutschland auf [7,8], die ihre Eltern in die Emigration begleitet haben oder bereits im Aufnahmeland geboren wurden, eine weitaus größere, heterogene und ebenfalls sehr vulnerable Gruppe [9, 10].

 

Daten aus klinischer und epidemiologischer Forschung

 

Die unmittelbaren und langfristigen somatischen und psychischen Auswirkungen erlebter kriegerischer oder Fluchtereignisse auf Kinder sind von den humanitären Organisationen sowie von der klinischen Sozialpädiatrie und Kinder- und Jugendpsychiatrie beschrieben worden. So warnt das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen (UNICEF) eindringlich vor den langfristigen Folgen der Erlebnisse kriegerischer Gewalt und Vertreibung [11]. Für den deutschen Sprachraum sind hier auch besonders Untersuchungen an Kindern von Naziopfern und aus vertriebenen Bevölkerungsgruppen der Nachkriegszeit in ihrer Aktualität immer noch beeindruckend [12]. Erlebte oder vermittelte Erfahrung von Verlust der Heimat und des sozialen Gefüges, von Flucht,Vertreibung oder gar Folter und Misshandlung sind als Lebensereignisse von hoher und nachhaltiger Gesundheitsrelevanz für Kinder und Jugendliche aus Flüchtlingsfamilien bekannt, wie bereits eine Längsschnittuntersuchung aus dem Jahr 1952 an 266 vertriebenen oder geflohenen deutschen Schulanfängern der Geburts-Jahrgänge 1944 bis 1946 belegte [13].

 

diese Kinder wurden entweder unter ganz außergewöhnlichen Umständen auf der Flucht geboren oder aber aus ihrer vertrauten Umgebung herausgerissen; sie haben teilweise feindlichen Beschuss, Hunger, Durst und Kälte erlitten und waren schweren seelischen und körperlichen Belastungen der Flucht- und Lagerzeit ausgesetzt.... Zwei Formen der Unangepasstheit werden dabei unterschieden: erstens eine destruktive, gegen sich selbst gerichtete Unangepasstheit, die sich in Unsicherheit,  Gehemmtheit,  Skepsis, Ängstlichkeit und Resignation äußert und in letzter Konsequenz zum Suizid führt, und zweitens eine aggressiv nach außen gerichtete Unangepasstheit...

 

Angesichts eines psychosozialen Interventionsprogramms für traumatisierte Vorschulkinder und ihre Mütter in Bosnien-Herzegowina konnte die besondere Bedeutung sozialpädiatrischer und psychosozialer Maßnahmen auch anhand somatischer Messgrößen belegt werden [14]. Ebenso waren bei Flüchtlingskindern anlässlich der Einreise in die USA signifikante Entwicklungsverzögerungen festzustellen [15].Auf die häufig weitergehende Notwendigkeit psychiatrischer Betreuung und Behandlung von Flüchtlingskindern im Aufnahmeland ist wiederholt hingewiesen worden [6, 17]. Die erlebte Erfahrung gefährdender Lebensumstände zählt hierbei zu den nachhaltig wirksamen gesundheitlichen Risikofaktoren [18,19]. Flucht und Vertreibung als Phänomene erzwungener Migration stellen sich als gesundheitliche Beeinträchtigung auch nach Ende der akuten Gefährdung heraus und werden so zum Aufgabenfeld öffentlicher Gesundheitsdienste und epidemiologischer Forschung auch im Aufnahmeland [20,21,22, 23]. Zur Bereitstellung einer angemessenen Betreuung der Kinder und Jugendlichen mit erlebter oder vermittelter Gewalt- und Fluchterfahrung [24,25,26] bedarf es daher auch hierzulande einer spezifischen Berichterstattung auf kommunaler, Landes- und Bundesebene.

Die wenigen in Berichtsform systematisch gesammelten Gesundheitsdaten über die Flüchtlingskinder [9] und die Daten klinischer Forschung [17] deuten auch im deutschen Sprachraum auf einen schlechteren Gesundheitsstatus und schlechtere gesundheitliche Versorgung innerhalb dieser Bevölkerungsgruppe hin. Unzureichende Unterbringung und Ernährung, Ausgrenzung und mangelndes gesundheitsbezogenes Inanspruchnahmeverhalten der Eltern erscheinen als alleiniges Erklärungsmuster nicht hinreichend. Gewalterfahrung, Angst, Hilflosigkeit und Misserfolge als solche erhöhen bei Eltern und Kindern die disstressvermittelte Krankheitslast und machen neben therapeutischen Maßnahmen auch Interventionen in die soziale Umwelt erforderlich [27]. Die heutige Sozialepidemiologie unterscheidet in der Lebensereignisforschung zwischen krankheitsauslösenden Ereignissen und allgemeinen Vulnerabilitäten psychischer und sozialer Art, die z.B. als Konsequenz eines früheren Verlustereignisses die Bewältigungsmöglichkeiten einschränken [28]. Obwohl diese Beobachtungen der Sozialepidemiologie überwiegend der Erwachsenenwelt entstammen, sind hier auch bei den Flüchtlingskindern zumindest durch das Elternhaus vermittelte Beeinträchtigungen denkbar. Allerdings bedarf es auch hier einer erheblichen Verbesserung der Datengrundlage und hierbei einer weitaus stärkeren Berücksichtigung von Fragen des Lebenslaufes [29,30]. Die Zusammenhänge zwischen sozialer Ungleichheit und der Gesundheit von Kindern sind in letzter Zeit zwar Gegenstand epidemiologischer Forschung [31], eine kleinräumige Gesundheitsberichterstattung über den Gesundheitsstatus der Flüchtlingskinder und Kinderflüchtlinge ist aber als Datengrundlage zielgruppengerichteter gesundheitsplanerischer Maßnahme in Kommunen und Ländern leider kaum vorhanden. Die Heterogenität dieser Gruppe, ihre hohe Fluktuation und ihr uneinheitlicher ausländerrechtlicher Status erschwert offensichtlich eine systematische Berichterstattung über diese Bevölkerungsgruppe. So beklagte der Vorsitzende der Kinderkommission des Bundestages im Februar 2002 anlässlich einer Anhörung zur Lage der Flüchtlingskinder in Deutschland noch die ,,unübersichtliche statisti-sche Lage“ [32,33].

 

Demographische und ausländerrechtliche Situation

 

Die ausländerrechtlichen Kategorien der Asylsuchenden, Asylberechtigten, Kriegs-, Bürgerkriegs- und De-facto-Flüchtlinge erschweren offensichtlich eine einheitliche und systematische Berichterstattung über den Gesundheitszustand der Menschen, die die Bundesrepublik Deutschland zum Schutz ihrer Person oder ihrer Familien aufgesucht haben. Im Jahr 2000 verteilte sich die Flüchtlingspopulation in Deutschland auf folgende Gruppen [34]:

 -          78.564 Personen beantragten politisches Asyl in Deutschland (Art. 16a GG), (in den letzten   

          Jahren beträgt die Anerkennungsquote 3,0% bis 4,9%),                  

-          37.078 Personen waren als Kriegsflüchtlinge aus Bosnien-Herzegowina anerkannt (§ 32a AuslG),

-          110.000 Personen waren als Kriegsflüchtlinge aus dem Kosovo anerkannt (§ 32a AuslG),

-          261.000 Personen hatten aufgrund von humanitären oder politischen Rückkehrhindernissen den Status eines    

          De-facto-Flüchtlings mit ausländerrechtlicher Duldung.

 Unter Berücksichtigung der bereits in Deutschland lebenden Asylberechtigten, Kontingentflüchtlingen, Familienangehörigen von anerkannten Flüchtlingen und weiterer Gruppen lebten im Jahr 2000 insgesamt etwa 1,1 Millionen Flüchtlinge in Deutschland [35].Angesichts der unüber-sichtlichen demografischen Angaben ist es nicht verwunderlich, dass selbst die Berichte der Beauftragten der Bundesregierung für Ausländerfragen bislang keine gesicherten Angaben zur gesundheitlichen Situation der Flüchtlinge enthalten konnten [34,35,36].Die derzeit noch sehr uneinheitliche ausländerrechtliche Kategorisierung der Flüchtlinge, ihre auch lebensgeschichtlich extreme Heterogenität, die hohe Fluktuationsrate sowie ein nicht unbedeutender Anteil von Menschen ohne gesicherten ausländerrechtlichen Status erschweren insgesamt eine bundesweit übersichtliche Gesundheitsberichterstattung über den Gesundheitszustand der Flüchtlinge und insbesondere der Flüchtlingskinder. So ist auch die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung in ihrem Sonderband ,,Gesundheit von Kindern - Epidemiologische Grundlagen [37] im Jahr 1998 noch nicht auf migrations- und fiüchtlingsspezifische Berichterstattung eingegangen, wenngleich in einem Beitrag der dringende Forschungs-Bedarf schon betont wurde [38].

 

Bundesweiter Arbeitskreis ,,Migration und öffentliche Gesundheit"

 

Die Beauftragte der Bundesregierung für Ausländerfragen hat 2002 anlässlich der Bundeskonferenz der Ausländerbeauftragten von Bund, Ländern und Gemeinden nachdrücklich eine interkulturelle Öffnung im Gesundheitswesen gefordert und die Bedeutung des Themas ,,Migration und Gesundheit“ hervorgehoben [39]. Seit 1994 besteht bei der Bundesausländer

beauftragten ein Arbeitskreis ,,Migration und öffentliche Gesundheit der bereits zahlreiche migrationsspezifische Handreichungen für das Gesundheitswesen herausgebracht hat [40] und in Kooperation mit der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung in Köln einen ,,Infodienst Migration und öffentliche Gesundheit“ unterhält [41]. Ebenfalls hat der bundesweite Arbeitskreis im Jahr 2001 intern einen tabellarischen Vergleich verschiedener Gesundheitsberichte unter dem Aspekt der Berücksichtigung von Migranten vorgelegt [42], der nur in einer einzigen Kommune eine länger zurück-liegende Darstellung der gesundheitlichen Situation von Flüchtlingskindern ausweisen konnte, deren wichtigste Aussagen nachfolgend erwähnt werden [9].

 

Gesundheitsberichterstattung der Kommunen

 

Zu dem nachfolgend vorgestellten Gesundheitsbericht der Stadt Münster aus dem Jahr 1998 [9] muss angemerkt werden, dass es sich hierbei um eine einmalige, kleinräumige und orientierende Erhebung in Gemeinschaftsunterkünften im Auftrag der kommunalen Gremien handelte, so dass hinsichtlich Stichprobenauswahl und Erhebungsmethodik nicht die Ansprüche epidemiologischer Forschung erfüllt wurden.

In den städtischen Übergangseinrichtungen in Münster wohnten im Erhebungszeitraum August 1997 86 Familien mit insgesamt 178 Kindern. In einer Aufstellung der Häufigkeiten des jeweils für die Kinder angegebenen Landes des Geburtsortes fiel auf, dass 22% der Flüchtlingskinder in Münster bereits in Deutschland geboren waren. Die Länder Südosteuropas stellten mit insgesamt 53% den zahlenmäßig überwiegenden Anteil der Geburtsländer dar. Als Versorgungsindikatoren wurden die Teilnahmeraten an kinderärztlichen Vorsorgeunter-suchungen und Impfungen herangezogen, wobei aufgrund unzureichender Vergleichbarkeit verschiedener sozialmedizinischer Systeme in Abhängigkeit vom jeweiligen Herkunftsland nur Daten der bereits in Deutschland geborenen Flüchtlingskinder ausgewertet werden konnten. Im Vergleich mit der Gruppe der Schulanfänger in Münster zeigte sich eine erhebliche Mindernutzung bei prinzipiell gleichen Zugangsmöglichkeiten. So waren immerhin noch 70% der Flüchtlingskinder in Münster bei der Geburt kinderärztlich untersucht worden (Ul, U2), die Teilnahmerate sank aber rasch auf 59% nach sechs Wochen (U3) und auf 23% nach sechs Monaten (U5), um nach einem Jahr (U6) nur noch 8% zu betragen.

Der Vergleich der Immunisierungsraten von Flüchtlingskindern und allgemeiner Kinderpopulation in Münster zeigte ebenfalls ganz erhebliche Unterschiede zuungunsten der Flüchtlinge. Zwar war hierbei auch denkbar, dass in einigen Fällen aufgrund der Fluchtsituation ein vorhandenes Impfdokument verloren gegangen war jedoch ist nach Empfehlung der Ständigen Impfkommission sicherheitshalber bei fehlender Dokumentation von Ungeimpftheit auszugehen und eine Grundimmunisierung vorzunehmen. Auch zeigte wiederum ein Vergleich der in Deutschland geborenen Flüchtlingskinder mit der Grundpopulation eine deutlich geringere Immunisierungsrate und belegte somit die geringere Inanspruchnahme auch bei prinzipiell gleicher Zugangsmöglichkeit. Eine komplette Immunisierung gegen Tetanus, Diphtherie und Polio war nur bei 23% der Kleinkinder aus Flüchtlingsfamilien belegt, eine Masernimmunisierung nur bei 29% der Kleinkinder.

Ein Viertel der Flüchtlingskinder hatte einen oder mehrere (maximal zehn) stationäre Krankenhausaufenthalte in Deutschland hinter sich. Die Aufstellung der Krankenhaustage zeigte, dass in 16% der Nennungen bei den Befragten ein eintägiger Klinikaufenthalt und in 33% der Nennungen ein Klinikaufenthalt bis zu drei Tagen angegeben wurde. Diese häufigen stationären Kurzaufenthalte führen zu erheblicher psychosozialer Belastung des Kindes und seiner Familie, rufen erhebliche Mehrkosten durch stationäre Pflegesätze hervor und wären durch eine verbesserte Kenntnis und Inanspruchnahme des hiesigen medizinischen Regelversorgungssystems zumindest teilweise vermeidbar gewesen.

Zwar hat diese kleinräumige Berichterstattung im Jahr 1998 zur Sensibilisierung der kommunalen Politik und zum Aufbau einer dauerhaften flüchtlingsspezifischen Gesundheitshilfe in der Kommune geführt, leider ist sie aber auf dem Status eines Einzelberichtes ohne weitere Monitordingfunktion stehen geblieben und hat demzufolge die Ansprüche an eine effiziente kommunale Gesundheitsberichterstattung bislang noch nicht erfüllen können.

 

Gesundheitsberichterstattung der Länder und des Bundes

 

Auch auf der Ebene der Gesundheitsberichterstattung des Bundes sowie der Länder sind migrationsspezifische oder gar flüchtlingsspezifische Darstellungen erst im Aufbau. Die 10. Landesgesundheitskonferenz des Landes Nordrhein-Westfalen hat am 31.August 2001 die Ent-Schließung ,,Soziale Lage und Gesundheit“ verabschiedet, in der auf die methodischen Schwierigkeiten bei der migrationsspezifischen Analyse vorhandener sozialmedizinischer und epidemiologischer Datenbestände zur Darstellung der gesundheitlichen Lage von Zuwanderern in großer Deutlichkeit hingewiesen wurde, ohne jedoch den Bedarf von einer flücht-lingsspezifischen Darstellung hervorzuheben [43]. Bereits im Jahr 2000 hatte die Landesregierung Nordrhein-Westfalen einen umfangreichen und methodisch vorbildlichen  migrationsspezifischen Landesgesundheitsbericht vorgelegt [44]. Erstmals wurde in dieser Darstellung von Gesundheitsindikatoren zwischen Deutschen, Zuwanderern, Über- und Aussiedlern sowie verschiedenen Staatsangehörigkeiten aufgeschlüsselt, eine flüchtlings-spezifische Betrachtung wurde jedoch nicht unternommen.

Ebenfalls im Jahr 2000 gab das Landesinstitut für den Öffentlichen Gesundheitsdienst in Nordrhein-Westfalen einen umfassenden Leitfaden zur interkulturellen Gesundheitsförderung heraus, der zwischen migrationsspezifischer und migrationssensibler Gesundheitsberichterstattung  unterscheidet und vielfältig auch auf die Flüchtlingsgesundheit eingeht, ohne allerdings hierzu weitere Daten vorlegen zu können [45].

Der Schleswig-holsteinische Landtag hat in seiner 15. Wahlperiode im Jahr 2002 eine Antwort der Landesregierung auf eine Große Anfrage der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen zur Gesundheitssituation der Migranten in Schleswig-Holstein herausgegeben [46]. In dieser Landtags-Drucksache wird die medizinische Versorgung von Flüchtlingen nach dem Asyl-Bewerberleistungsgesetz sowie die Situation der traumatisierten Kriegs- und Folteropfer ausführlich erläutert. Einmal mehr betonen die Herausgeber den Vorbehalt einer unzureichenden und uneinheitlichen Datenlage [47]. Eine Frage zur gesundheitlichen Situation der Flüchtlingskinder wurde parlamentarisch nicht gestellt und ist daher in der Landtags-Drucksache nicht beantwortet.

Insgesamt bleibt festzustellen, dass zur Gesundheitssituation von Flüchtlingskindern in der Bundesrepublik Deutschland derzeit keine Datengrundlage verfügbar ist. Die zahlreichen bisherigen erfolgreichen Maßnahmen zielgruppengerichteter Prävention, Gesundheitsförderung und Gesundheitshilfe gründen zumeist auf dem Erfahrungswissen der pädagogischen oder medizinischen Fachkräfte oder ziehen internationale Daten vergleichend heran [48,49,50,51]. Der Bedarf nach einer sozialpädiatrischen und epidemiologischen Beschreibung des Gesundheitszustandes der Flüchtlingskinder in Deutschland ist evident.

 

Fazit für die Praxis

 

In der Bundesrepublik Deutschland widmen sich zahlreiche lokale und überregionale Organisationen und zunehmend auch klinische Einrichtungen gezielt der Gesundheitsförderung und der Gesundheitshilfe für die Kinder aus Flüchtlingsfamilien. Das lokale Expertenwissen und die gewonnene Praxiserfahrung sind wesentliche und oft ausschließliche empirische Grundlage dieser wichtigen sozialkompensatorischen Gesundheitsarbeit. Durch Vernetzung der zahlreichen lokalen Einzelaktivitäten [41] und durch die koordinierende Tätigkeit öffentlicher Gesundheitsdienste [52] ist es zu einer spürbaren Verbesserung der Informationslage und zu einer deutlicheren Problembenennung im politischen Raum gekommen. Ehrenamtlich tätig zugunsten der Kinderflüchtlinge in Deutschland sind neben vielen lokalen Gruppierungen besonders:

 

           -  Deutscher Kinderschutzbund e.V. [53],

           -  terre des hommes Deutschland e.V. [54],

           -  UNICEF Deutschland [55],

           -  Bundesverband Unbegleitete Minderjährige Flüchtlinge e.V. [56],

           -  Unterstützerkreis für die von Abschiebung bedrohten Kinder und Jugendlichen e.V. [57],

           -  Arbeitsgemeinschaft für Jugendhilfe [58].

 

Dauerhaft sind Klinikerfahrung und Praxiswissen jedoch als Datengrundlage nicht ausreichend und akzeptabel. Die Forderung nach migrationsspezifischer und migrationssensibler Gesundheitsberichterstattung [45] sowie nach der Aufnahme so gewonnener interkultureller Inhalte in die Aus-, Fort- und Weiterbildung des Fachpersonals ist daher auch von der Beauftragten der Bundesregierung für Ausländerfragen nachdrücklich vertreten worden [39]. Bundeseinheitliche verbindliche Regelungen über eine Schulpflicht auch für Flüchtlingskinder könnten dem Öffentlichen Gesundheitsdienst einen flächendeckenden Zugang zu dieser Bevölkerungsgruppe zur Berichterstattung und Betreuung eröffnen [59]. Methodisch können die vereinfachten Regelungen bezüglich des Aufenthaltstitels im neuen Zuwanderungsgesetz für die Bundesrepublik Deutschland [60] zu einer einheitlicheren und vollständigeren epidemiologischen Erfassung der hiesigen Flüchtlingspopulation führen. Ebenso ist von dem kürzlich begonnenen Kinder- und Jugendsurvey des Robert Koch-Institutes im Rahmen thematischer Module eine zuverlässige Datenbasis über den Gesundheitszustand der Flüchtlingskinder in Deutschland zu erhoffen [61,62]. In einem Modul zu psychischer Gesundheit beispielsweise wären in diesem Zusammenhang als zusätzliche Sozialdaten noch Staatsangehörigkeit, Geburtsort, Geburtsort der Eltern und Aufenthaltsstatus sehr hilfreich.

 

Prof. Dr. Joachim Gardemann

Kompetenzzentrum Humanitäre Hilfe,

Fachhochschule Münster,

Leonardo-campu5 7,48149 Münster

E-Mail: gardemann@rh-muenster.de